„Josef“, entgegnete sie nachdenklich, „muß vor langer Zeit einmal etwas gesagt haben, worin das Gegenteil von Ihren Worten stand.“

Er lächelte nun abwehrend, berührte mit einer Hand leicht die Sonnenblume und sagte nach einer Weile versonnen: „Wissen Sie, woher das Wort Heiland kommt?“

Renate meinte, es bedeute doch wohl heilend. Ja, das lege man dem Wort wohl jetzt unter, versetzte er, „aber,“ fuhr er aufblickend fort, „die Sonnenblume heißt griechisch Helianthos, und daraus wurde Helianth, Heliand, wie es noch im Frühmittelalter hieß, dann Heiland.“

Renate schauderte leise unter einem unkenntlichen Gefühl und hörte ihn weiter sprechen:

„Carossa sagt: ‚Wenn uns gegeben wäre, immerfort ein Wesen zu schauen und zu denken, so würden wir uns langsam in dasselbe verwandeln.‘ So glaubten Heilige, und so verbürgt es die Form der Sonnenblume.“

„Und wissen Sie,“ fuhr er fort, „wer dasselbe geglaubt hat, und wessen Antlitz es uns verbürgt?“

Sie lächelte und sagte glücklich: „Ech-en-Aton.“

Und, kaum wissend, was sie tat, griff sie nach der Blume, löste sie vom Kleide und reichte sie ihm, ließ aber ihre Hand noch am Stiel, den er faßte. Den Kopf hielt sie tief gesenkt, und, in blinde Wonne versinkend, sah sie mit unbeschreiblichem Staunen eine kleine Gestalt in weißem Gewande vor sich stehn, den König, der an ihr vorüber sah mit dem fortschwebenden Blick, den er immer hatte, und sie reichte ihm die Blume, demütig, die er nicht sah. — —

Plötzlich schrak sie leise schaudernd auf, blickte auf die Blume und rief: „Aber —, sie ist ja schwarz, die Blume, mit goldenem Rand, umgekehrt wie die Sonne.“

Nun standen sie Beide, die Blume zwischen sich haltend, und Saint-Georges schien nicht minder betroffen als sie.