„Geld,“ sagte er, „habe ich ja nun mehr als früher. Dann, wenn ich die Examina gemacht habe, — das muß schnell gehn, höchstens in einem Jahr geh ich nach Rußland zurück. Da können sie mich vielleicht brauchen. Jedenfalls bewegt sich das Leben dort in den Kreisen, die mir nahe sind, so, daß ich hineinpacken kann; ich muß mich ja nun wohl an das Allerreellste halten, was man so ‚Taten‘ nennt, und — und vielleicht kann man die Dinge doch fühlen; ich will versuchen, sie wieder anzuwärmen; der Tod pflegt ja alles erst mal kalt zu machen. Sie werden wohl zuweilen an den letzten Mohikaner denken.“
Renate nickte nur und sah ihm liebevoll in die Augen; er ergriff ihre Hand, küßte sie ungeschickt, ging ruhig und kehrte nicht zurück.
Renate, noch hinter ihm her sehend, erinnerte sich, daß Josef der letzte war, der ihr die Hand geküßt hatte. Dem einen war alles genommen, der andre wollte nichts mehr haben. Sie sah über das Dach des Hauses hinauf, wo die kleinen grauen Steinfiguren sich vor dem leichten Gewebe von Wolkenweiß und Himmelsblau zu bewegen schienen; die Sonne brach kräftiger hervor. Seltsam war mit dem Ende von Sigurds heftigem Ausbruch auch der Wind stiller geworden; es wehte nur leise durch den Garten hin. Sie zog die silberne Schnur, deren Knoten sich gelockert hatte, fester zusammen, nahm ein zusammengerolltes Blatt von ihrem Kleid, glättete die grüne Seide, in der schwarze Linien von oben nach dem Saum hin liefen, und sah die Blumen auf ihrer Zeitung auf dem Postament liegen; der Wind zauste darin wie ein Kakadu; einige lagen am Boden. Die sammelte sie gedankenlos auf und legte sie zu den andern. Ja, nun mußte sie wohl zu Saint-Georges —, nein, es war ja Sonntag. Sie dachte an ihre Orgel, irgend etwas aber trieb sie, den Weg, den sie vorhin gekommen, zurückzugehn. Vor einem Trupp halb welker Sonnenblumen stand eine sehr hohe mit nicht sehr großem Antlitz, das sich mit einem geringen Ausdruck von Ernst und Hoffart herabneigte. „Wie stolz du bist, Schwester Sonnenblume,“ sagte sie, „laß dich küssen.“ Sie bog das gelb und schwarze Sonnengesicht zu sich hinunter, küßte es leicht in die Mitte, knickte den Stiel dicht unterm Kopf ab, hielt einen Augenblick die weiche Blätterschale in den Händen, hängte sie dann vorn in den spitzen Ausschnitt ihres Kleides. Dann ging sie weiter, langsam an einer Linde nach der andern vorüber, die den Weg mit welken Blättern bestreuten, blieb endlich am letzten Stamm stehn, die Hände auf dem Rücken zusammengelegt, den Blick durch die fast entlaubten Wipfel emporgerichtet. Ununterbrochen trieb und flatterte es von oben durch das Licht. Sie spürte, in Gedanken verloren, wie ihr Kleid unten zuweilen seine Falten regte, sich bauschte und wieder hinsank.
Saint-Georges kam die Allee herunter und blieb bei ihr stehn; sie sah ihn durch den dünnen Schleier an, den eine vom Wind gelockerte Haarsträhne über ihre linke Wange breitete, und las in seinen ernsten Augen, daß er alles wußte. Er sagte nichts weiter als seinen Gruß; nach einer Weile begann sie leise:
„Ach, Georges, hören Sie die Glocken?“
Lauschend vernahmen sie Beide das ferne, dunkle Getöse, das in der hohen Weite gegen den Wind ankämpfend umher wanderte und nach Gläubigen hinunter rief.
„Eben war mir,“ fuhr sie fort, „als hätte ich schon ein Jahr hier gestanden und die rufenden Glocken im Winde gehört. Alles war mir so fern, — daß Josef ging, und der Zorn des Erasmus, und Sigurds Schmerz und Empörung. Hier bleibt es immer still.“
Ihr fielen bei diesen Worten Sigurds ganz ähnliche ein, die er beim Kommen gesagt hatte, allein sie vermochte nicht zu begreifen, wie das zusammenhing. „Entblätterte Linden,“ sagte sie wie zu sich selbst, „entblätterte Linden ... Am Boden wirbeln gelbe Blätter ruhlos, — wer weiß, wer weiß, wohin einst wir verschwinden!“
Getrieben vom Verlangen, ihre eigne Stimme zu hören, um die Stille und die ferne Stimme Sigurds abzuwehren, sprach sie weiter: „Sie sind nun bald alle fort. Wissen Sie, daß auch Magda geht? Ihr Lehrer ist an die Berliner Oper gekommen, sie will ihn nicht aufgeben, ein Wechsel wäre ja auch ungesund für die Stimme. Bogner ist irgendwohin; Ulrika ist mit ihrer Mutter nach Süden; wo ist Jason? Jason ist verschwunden. Sigurd geht, Georg ist fort, und Esther ... Ach, mir gellt immer noch das Todesgeschrei all der Menschen in den Ohren, das ich hörte, als Sigurd: Esther! schrie. — Ich bin geblieben, — wie kommt das? Was wird aus ihnen, dort, wo ich sie nicht mehr kenne? was wird aus mir?“ Sie faltete die Hände und sah ihn ängstlich an.
Saint-Georges’ ruhige, lichte Augen umfaßten ihre Gestalt, berührten die Sonnenblume, sie hörte ihn sagen: „Ich sah Ihre Blumen auf der Sonnenuhr liegen, — hatten Sie die schöne Last in die Zeit fortgelegt? Da dachte ich, daß —“ er sprach sehr langsam — „daß Ihnen nichts geschehen wird, solange Sie in diesem Hause sind. Hier können Sie leben und sterben unwandelbar; verlassen Sie es nie.“