Über den Stufen der Veranda erschien Magda in ihrem mattblauen Kleid und blieb da stehn, an einer Weinranke zupfend. Sigurd wand sich verzweifelter.

„Helfen Sie mir doch,“ sagte er, „wie soll ich denn das verstehn, daß sie auf einmal tausend Meter tief im Wasser liegt, und die Fische schwimmen drüber weg, und man kann sie nicht heraufholen. O ich Mensch! o ich Mensch!“ stöhnte er, die Finger in den Haaren, „daß ich sie habe allein fahren lassen! Aus Trotz ließ ich sie weg und hetzte diesen Prinzen, diesen Literaten, diesen Hanswurst —“

Magda blickte langsam nach ihm hin; Renate sagte leise: „Sigurd! Wir können uns doch beherrschen.“

Er hielt mitten in seiner Wutgebärde inne, blickte sie erstaunt an, schien ihr Gesicht zu erkennen und stürzte zu ihren Füßen hin, laut schluchzend, röchelnd und sich schüttelnd. Das Gesicht auf ihren Schuhn, umschlang er ihre Knie und riß daran, — Renate schwankte und griff nach dem Zeiger der Sonnenuhr hinter sich, um sich daran zu halten. „O, ich liebe dich doch,“ jammerte er laut, „ich liebe dich, und nun ist alles aus!“

O das war schrecklich. Da er wieder ruhiger wurde, gelang es Renate, seinen Kopf zu fassen, zu heben und an ihre Knie zu drücken. Da stand er schwerfällig auf, zog sein Taschentuch und brachte Gesicht und Haar in Ordnung.

„Eins zieht das andre nach sich“, sagte er trocken. „Daß man sich in Sie verliebt, ist freilich natürlich. Ich wußte ja, wenn sie den Prinzen näher kennen lernte, so konnte sie nicht widerstehn, niemals konnte sie’s. Dann ging alles seinen Gang. Eines Tages war die heillose Verwirrung da, und sie wußte nicht mehr, wohin sie sollte, nach Amerika, zum Prinzen, oder zu mir. Da dachte ich, wir müßten es probieren, und wenn wirklich ich die Hauptperson in ihrem Leben war, so würde sie sich ja auch aus Amerika zurückfinden. Nein, Gott, nein, wie hätte ich allein bleiben können! Mein Dasein hatte seinen Glanz und seine Freude doch bloß von ihr, und ohne das ist man doch in einer steinernen Öde und friert. Aber da hatte ich mich ja selbst von ihr abgewandt und zu Ihnen. Nun, freilich, was das schon hieß, aber mein Gefühl, ja, mein Gefühl war doch dadurch schwächer geworden gegen sie, und dafür bin ich nun gestraft. Ihm aber, bei Gott, Renate, ihm aber werde ichs einmal heimzahlen, daß er sie zu sich herüberbog so weit und dann wieder fahren ließ, dieser Bastard von einem Literaten! Konfus hat er sie gemacht,“ schrie er aufgebracht, „und da zeigte der Tod ihr einen Mittelweg, und sie folgte natürlich wie immer. Meinen Sie denn etwa,“ fragte er mit zornigen Augen, „ich wüßte nicht, wie sie gestorben ist! Meinen Sie, ich hätte —, ja, glauben Sie etwa, Jason wäre auch ertrunken?“

Da er einen Augenblick schwieg, um Atem zu schöpfen, murmelte Renate: „Der gute Jason ...“ Auch sie konnte sich nicht denken, daß er tot sei.

„O Gott,“ stöhnte er nun wieder vor sich hin, „ich seh ihn ja immer und immer herumlaufen, über alle Verdecke, durchs ganze Schiff, oben, unten, in alle dümmsten Winkel spähn, und die Angst ... Und ich bin mit ihm herumgerast und hab geschrien: Esther! Esther! Esther! — Aber sie“, schloß er leise und verwirrt, „lag wohl schon lange unten und war auch — wohl ganz froh ...“

Nach diesen Worten drehte er sich langsam und vergrämt um und ging fort, die Stufen empor, wo Magda einen Arm um ihn legte und mit ihm weiterging. Sie waren verschwunden, aber nach einer Weile erschien er wieder allein, blieb über den Stufen stehn, hob die Hand winkend und rief: „Machen Sie sich keine Sorge um mich!“

Renate lief auf ihn zu, wollte ihn fragen, was er denn vorhabe, da kam er herunter zu ihr und erklärte ihr ruhig und zurückhaltend, er könne natürlich nicht hier bleiben, wo an jeder Straßenecke und in jedem Zimmerwinkel Esthers Schatten stünde, sondern ginge nach Berlin, wo er noch gerade rechtzeitig zur Immatrikulation kommen würde.