Renate schrie: „Magda!“ ließ die Schere fallen, preßte die Blumen an sich, griff nach der Zeitung und las unter strömenden Tränen entsetzliche Dinge von einem Eisberg, bei Nacht, und Hunderten von Toten.
„Vielleicht ist sie doch gerettet“, weinte sie. Der Wind riß an dem großen Zeitungsblatt, sie kämpfte, um es zusammenzulegen, packte dann ihr Blumenbündel hinein und suchte nach ihrem Taschentuch im Gürtel. Da sah sie es nicht weit von ihr auf dem Wege liegen und eilte daraufzu, damit es nicht wegfliege.
„Weiß Sigurd es denn?“ rief sie Magda zu, die mit zusammengelegten Händen dastand. Die fuhr aus ihrer Versunkenheit auf, sagte, ja, sie sei ja gekommen, um mit Sigurd zu telephonieren, und eilte eifrig an Renate vorüber nach dem Hause.
Mit ihrem großen, bunten Blumenbündel im Arm, heftig weinend und an Nase und Augen wischend, schwankte Renate den Weg zurück, über den Rasen und bis zur Sonnenuhr, blickte lange darauf, als wollte sie die Zeit enträtseln, und legte dann, heftiger aufschluchzend, mit einer wilden Gebärde die Last auf das Zifferblatt; das Zeitungsblatt öffnete sich und flatterte. Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen das Postament, wurde langsam ruhiger, blickte wartend in die Veranda. Schritte wurden hörbar, Sigurds lange Gestalt erschien, er kam herunter, rote Flecken im Gesicht, die Augen geschwollen. Er blieb dicht vor ihr stehn und ließ den Kopf hängen.
„Ja, hier ist es immer schön“, sagte er nach einer Weile, umhersehend.
„Sigurd,“ bat sie leise, „ich —, ist es denn — ist es — ist es denn gewiß?“
Er zuckte die Achseln.
„Für mich ist sie tot“, sagte er nach einer Weile abweisend.
Renate wußte nichts zu sagen, legte ihm nach einer Weile eine Hand auf die Schulter, in der sie ihr kleines Taschentuch zusammengedrückt hatte. Sigurd, den Kopf senkend, blickte darauf und sagte: „Ganz naß ...“
Seine Lippen zuckten, er begann: „Esther —“ Dann: „Was war sie nur? Ja, was hat sie euch viel bedeutet! Ein kleines Gartenland, — ausgerauft.“ Er stockte. „Esther, mein Gott!“ sagte er, faltete die Hände, blickte irr und schrie auf einmal: „Ich dachte, sie wäre hier! Ich dachte, sie wäre hier, und nun ist sie ja nicht da!“