Da öffneten seine Augen sich wieder, sie war zurückgetreten, er sah sie zum Stuhl gehn, ein flacher, grauer Hut lag darauf mit grünen Blättern und schwarzen Rosen, den hob sie auf. Ja, mußte denn noch etwas — —, mußte er noch etwas — —? — Er sah sie den Hut aufsetzen, die Nadeln festmachen, und da lag auch eine Jacke, die sie nun anziehen wollte, und er hätte fast vergessen, ihr zu helfen. Noch einmal, während er den Kragen ihres Kleides in die Jacke hineinglättete, ihren Hals berührte, sah er ihren Haarknoten, weich geschlungen, ganz nah, aber dies galt schon nicht mehr, und sie wandte sich und gab ihm die Hand, und er sagte: „Leb wohl!“
Das Schluchzen stieg ihm in die Kehle, sie sagte nichts, ging zur Treppe, der Raum kreiste, etwas klang hart, Esther war nicht mehr im Zimmer.
An einem Eisenbahnfenster über vorbeisausender Felderlandschaft erschien Esthers Gesicht; darauf stand geschrieben: Trostlos. — Georg näherte die Hände dem Gesicht, ermannte sich, schüttelte den Kopf, nahm eine Zigarette vom Rauchtisch, zerbrach ein Streichholz, noch eines, noch eines, tat endlich den ersten Zug und setzte sich.
Ja, sagte er, ja, ja ...
Nicht mit Absicht berauschte Georg sich an diesem Abend sinnlos, das heißt, er setzte sich nicht in der Absicht, sich zu betrinken, zum Trinken nieder, sondern es kam so. Quid quod, sagte er in der letzten hellen Minute, das ist eine lateinische Redensart und heißt ungefähr: Was soll man dazu sagen? — Einige Zeit später weinte er sehr am Halse seines Leibfuchsen, der auch weinte, und abermals eine Zeit später wachte er mit riesigem Schädel und ohne Denkvermögen in seinem Bette auf, tat unbewußt das am Morgen Nötige des Badens und Ankleidens, saß ein paar Stunden, bloß eine kahle Bouillon im Magen, bei den Mensuren herum, übrigens ein wenig voll Ekel, ein wenig voll Wut und ein wenig voll Beschämung, worauf er sich anbandagieren ließ, heftig angewidert von den nassen, warmen, nach Blut, Schweiß und Äther stinkenden Binden am Halse. Armer Tozzi, heut gehts mir schlecht, dachte er, die Zähne zusammenbeißend, als die eiserne Brille auf seine Nase gepreßt wurde, und nieste. Dann stand er da und arbeitete schwerfällig mit dem Schläger, fühlte bald, wie ihm das Blut vom Kopf rieselte, es gab Pause, er saß, stand wieder, es gab endlose Pausen, um ihn schwirrte und rannte es, er hörte ein Flüstern: laß dich lieber abführen! — aber das wollte er nicht. Der Speer ward ihm fortgeschlagen, noch einmal fortgeschlagen, er wankte und taumelte bei jedem Hiebe und stand dann, den Kopf gesenkt, von dem das Blut herunterlief, wie Spülwasser so dünn vom Alkohol. Dumpfe Wut hielt ihn aufrecht, aber er ermattete immer mehr, nach jedem Gang schien eine Pause zu kommen, er trank Wasser, trank Kognak, ihm ward zum Erbrechen elend, und dann merkte er noch, auf dem Stuhl sitzend, daß sein Blut nicht mehr lief. Und was war das mit seinem Herzen? Das machte ja Sprünge! Von allen Seiten beugten sich höfliche, neugierige, ein wenig mitleidige Gesichter, er hörte wieder die Stimme des Sekundanten von weit fern her: Also noch einen Gang, weiter! Stand auf, schwankte, hörte hoch über sich die Worte verhallen: Baltoborussia führt ab nach dreizehn Minuten, und verlor die Besinnung.
Sonnenblume
Renate, in der Hand die Gartenschere, trat am frühen Morgen auf die Terrasse hinaus und blieb über den Stufen stehn. Warm schien die Sonne, aber es wehte so heftig, daß sie mit den Händen in den Falten ihres dunkelgrünen Kleides hinunterfuhr, um sie gegen den Leib zu drücken; sie bauschten sich schwer hinter ihr, und die langen Enden der dicken, silbernen Kordel, die sie unter der Brust um den Leib geschlungen hatte, flatterten wie ihr Haar. Der Garten, schon sehr entblößt, war ein flatterndes Gewimmel von Blättern und kleinen Zweigen, gelb und lockrig ließen die Wipfel überall den hellen, dunstigen Himmel durchscheinen, aufgelöst ins Trinken des reichen goldenen Lichts. Vollhängende Fuchsiensträucher schwankten unter der Veranda. Wege und Rasen waren mit Blütenblättern bestreut; der Gärtner hatte den mit Laub verschütteten Rasenplatz zur Hälfte gekehrt und war zum Frühstücken gegangen; nun rollte der Wind die braungelbe Masse von einer Seite auf die andre mit einem kindischen Vergnügen. — Renate kämpfte sich gegen den Wind die Stufen hinab, ging auf dem Wege zur Linken weiter, durch die Büsche und rechtsum unter den sechs Linden am Gemüsegarten hin auf die Rückseite der Kapelle zu. Dort flammte, gegen den Wind geschützt, die ganze Schar farbiger Georginen und Dahlien, schwarze, rote, scharlachne, weiße und gelbe. Renate schnitt von ihnen, langsam auswählend, einen Arm voll. Da hörte sie ihren Namen, fern von Magdas Stimme gerufen, antwortete: Hier! und sah bald darauf, sich wendend, Magda den Weg unter den Linden herbeieilen, ein Zeitungsblatt in der Hand, heftig atmend und mit schreckerfüllten Augen.
„Du weißt noch nichts?“ fragte sie atemlos. „Das Schiff —“
„Was für ein Schiff?“
„Mit Esther! Es ist untergegangen.“