Auf einmal schnürte sich ihm das Herz zusammen, er suchte nach gleichgültigen Dingen, fand nichts und bat:
„Was wollten Sie denn eben sagen?“ Sich vorneigend wie sie, sah er sie nun an und merkte, daß ihr Gesicht von innen kalt und bleich geworden war.
„Ich wollte sagen,“ sprach sie sehr langsam und ohne Betonung, „es muß gut sein, zur rechten Zeit sterben zu können. Ich glaube, der Tod —, ich meine: das Sterben, der letzte Augenblick giebt dem Menschen eine Klarheit, eine Kenntnis, ganz sichere, über Leben und Tod. Gut kann die sein oder sehr schmerzlich. Und die gute wäre, daß man zur rechten Zeit stirbt.“
Sie hatte nun ganz leise und mit rauher, verhauchender Stimme gesprochen, und Georg, obgleich er kämpfte, konnte es nicht lassen, tiefer zu gehn und zu fragen: „Esther, sind wir denn so traurig, daß wir statt vom Scheiden vom Sterben reden müssen?“
Sie stand auf, zuckte mit den Schultern, wie um etwas abzuwerfen, und sagte: „Ich muß gehn.“
Jenseit des Grabens stand eine junge Roteiche, reich mit großen, heftig gezackten Blättern überhangen, rot wie neues Kupfer und so einzeln, daß sie sich zählen ließen; im bläulichen dunklen Wasser unten hing ihr Spiegelbild, umgekehrt, verdunkelt. Uns, dachte Georg mit seltsamer Empfindung, uns und unsre Spiegelbilder sieht von drüben der stille Baum, und nun war ihm, als sähe er selber sich und sie — in dem schön violetten Kleide mit goldenen Borten sie und sich in dem dunkelgrünen Anzug — wie zwei geschmückte Geister in einer elysischen Gegend, weltferne Zwiesprache haltend. Aber, sich umwendend, fand er Esther nicht mehr neben sich und sah sie schon fern zwischen den grünen Büschen den Weg hinunter auf einen Trupp hoher, verdorrter Sonnenblumen und schwarzroter Dahlien zugehn; ihr Gang war nichts als ein notwendiges Bewegen der Füße, aber daran, daß der rechte nicht nach innen —, doch, da schlug er nach innen, und nachdem Georg eben gedacht hatte, er müsse sie so weiter und weiter und fortgehen lassen, eilte er ihr jetzt nach, holte sie aber erst im Zimmer ein, wo sie stand und sich umsah.
Eiskalt war ihm am ganzen Leibe, er zitterte, wußte aber gleichwohl, daß er imstande sei, die simpelsten Höflichkeiten zu sagen, redete auch ganz bedeutungslos draufzu, indem er sie bat, sich doch etwas zum Andenken mitzunehmen. Sie bewegte den Kopf langsam hin und her. Gleich darauf sank er tief herunter, ihre Brauen zogen sich wie grüblerisch fest zusammen, doch war es wohl etwas andres, und er konnte es nicht mit ansehn und trat an den Schreibtisch. Mit dem Rücken gegen die Platte gelehnt, sah er, wie sich ihr Kopf langsam wieder hob; sie stand aufrecht und sah ihn an, ohne zu lächeln. Jetzt kommt es! dachte er im Frost, was soll ich jetzt tun? was fragt sie jetzt hinter ihrer Stirn?
Indem fiel ihm ein: Wenn aber nun alles Einbildung ist? Ja, wie, wenn sie nicht meinetwegen so verzagt ist, sondern Sigurds wegen? Sollt’ ich so närrisch sein? — Fast ward ihm da leichter; er dachte: also muß es geschehn ...
„Esther“, sagte er, nur um nicht zu schweigen, um nicht — —
Und sie kam. Er nahm ihre erfrorenen Hände und legte sie auf seine Brust. Sie blieb, sie würde bleiben, sie mußte, er konnte sie nicht entbehren. — So blickte er in ihre Augen, sah ganz nah die schönen Brauen, sah winzig sein eigenes Gesicht, ganz wenig verschwollen in dieser, in jener schwärzlichen Pupille, und die Reflexe vom Licht, sah die kleinen schwärzlichen Härchen neben den Mundwinkeln und mußte die Lippen darauf drücken. Seine Augen schlossen sich. O, wie süß war dieser Mund! O nicht fremd wie — wie — —