„Und meine Hakennase!“ schrie Renate. „Nein, denkt euch, nun muß ich euch was erzählen. Die Kiste mach ich nachher auf, Bogner, ich darf doch? Also ich wollte doch Erasmus etwas zu Weihnachten schenken. Da ging ich in sein Zimmer, um nachzusehn, was er wohl brauchen könnte. Aber da sahs aus! Ein Wust von Sachen, alle Stühle waren hochauf beladen mit Stapeln von technischen Zeitschriften, aber dann hab ich eine merkwürdige Entdeckung gemacht. Über seinem Bett an der Wand hing an einem eisernen Krampen und Schnüren ein ganz windschiefes Bücherbrett, drei Stockwerke, und darauf standen die sämtlichen Werke von Jean Paul, Balzac, Dickens und Dostojewsky, diesen ausgenommen in der Ursprache. Und auf dem Nachtkasten, offen mit dem Rücken nach oben, lag der Komet von Jean Paul. Hättet ihr das von ihm gedacht? Nun hab ich ihm ein festes Gestell machen lassen, und da die Bücher alle grausam zerfleddert, auch die Ausgaben sehr gewöhnlich waren, hab ich ihm alle neu gekauft, und schließlich die ganzen Zeitschriften in das große Regal nach Nummern geordnet, ja, das war eine Arbeit!“

Bogner sagte nachdenklich, den Erasmus kenne keiner, worauf er sich verabschiedete. In der Tür begegnete ihm der Diener, durch den Erasmus das gnädige Fräulein und die Herren Saint-Georges bitten ließ, mit ihm zu speisen. Renate staunte.

Das Speisezimmer war leer, als sie es betraten. Auf Renates Teller lag ein Strauß samtschwarzer Rosen, darunter ein Lederetui, in dem sie unter einer Karte mit einem Glückwunsch von Erasmus’ Hand eine mehr als talergroße Scheibe von dunkelbraunem, stumpfem und rauhem Bernstein fand, die an einer dünnen Goldkette hing, eingefaßt in einen Kranz kleiner Perlen. Darüber entstand eine kleine Wirrnis in ihr. Welche Anstrengung der Phantasie für seinen mühseligen Geist! So also beschäftigte er sich mit ihr?

„Georges,“ sagte sie — denn sie mußte sich herauswinden — „haben Sie ihm dabei geholfen?“ Er gestand es.

Da sie nun den Schmuck um den Hals hängen wollte, erwies sich die Kette nicht lang genug, daß die Scheibe auf ihrer Brust aufliegen konnte. Saint-Georges nahm sie aus ihrer Hand und legte sie um ihr Haar, so daß die Bernsteinplatte vor ihrer Stirne hing. Sie trat vor den Spiegel. Ja, sie war ein Wunder an Schönheit. Überdem liefen ihr die Tränen aus den Augen, sie stürzte aus dem Zimmer, an Erasmus vorüber, ohne ihm mehr als einen furchtsamen und hastig versüßten Blick zuzuwerfen, die Treppe hinunter und hielt vor der Tür ihres Onkels inne. Sie öffnete lautlos, glitt hinein. Im Dunkel waren Kopf und Oberkörper des alten Mannes, hell genug beleuchtet vom einfallenden Schein der entfernten Straßenlaterne draußen; so saß er am Fenster; an der Decke über ihm hing der Schlagschatten des Fensterkreuzes, verzerrt. Als sie die Hand leise auf seine im Schoß gefalteten Hände legte, blickte er auf und lächelte gütig, ließ es sich auch gefallen, daß sie seinen Kopf an ihre Brust legte, aber nach einer Weile merkte sie das Widerstreben seiner Kopfhaltung, ließ die Hände fallen, trat von ihm fort, zerrte an ihrem Taschentuch, raffte den Pelzumhang zusammen, faßte und hob ihr Kleid überm Knie und glitt leise hinaus.

Wie lange Zeit vergangen war, wußte sie nicht, da sie sich am Fenster der dunklen Halle fand, hinter sich die Stimme des Dieners vorwurfsvoll vernehmend, es sei doch aber schon lange angerichtet. Auch was sie gedacht und empfunden in diesen Minuten, suchte sie vergebens in sich, als sie, wieder im Speisezimmer, verdunkelten Auges auf Erasmus zuging, der vor seinem Teller stand, ihm die Hände auf die Schultern legte und ihn zwang, mit den Augen den ihren standzuhalten.

„Ich danke dir auch“, sagte sie heftig atmend. Ihre Brust wogte. Da merkte sie, daß sie nicht seinetwegen zu ihm gegangen war, sondern um jemand zu haben, an dessen Schulter sie einmal diesen nie gebeugten Hals ausruhen könne, und nun erschrak sie: Was tu ich denn! was mach ich aus ihm? ich werde ihn verrückt machen. Sie glitt hastig mit den Händen an seinen Armen herunter, drückte ihm die Hände und sagte irgend etwas Muntres. Später bemerkte sie die ungemeine, fast gewandte Gesprächigkeit des Erasmus, redete ihn auf ihr Geschenk an und hörte seine beinah launischen Vorwürfe, daß ihr Erscheinen vorhin ihn nicht zum Danken habe kommen lassen. Als sie nun ihre Verwunderung über seine schöne Autorensammlung äußerte, meinte er kurz — es war deutlich, daß er sofort alles Verdienst ablehnen wollte —, Josef habe er das zu danken. Er, Erasmus, sei der Meinung gewesen, daß ein gebildeter Mensch eine gewisse geistige Nahrung brauche, und habe Josef gefragt, ob es nicht in jedem Lande ein Dichtergewächs gebe, das so quasi die besten Möglichkeiten seines Bodens und Klimas in sich entfaltete, so daß man also mit dreien oder vieren der Art alle gute Nahrung beisammen hätte, und er habe sich denn auf Rußland, das ein schönes, breites Land sei, England, Frankreich und Deutschland beschränken wollen, was Josef einen sehr ordentlichen Gedanken genannt habe, nur schien er gemeint zu haben, daß Deutschland noch um ein Stück breiter sei als Rußland, und da sei die Auswahl schwer. „Da ich nun Goethe ablehnte, denn den hatten wir ja auf der Schule, so nannte er mir Jean Paul.“

Denn den hatten wir auf der Schule, dachte Renate, wie ist das nun wieder kümmerlich und traurig.

„Also will ich den nehmen, sagte ich“, fuhr Erasmus fort. „Der wird dir aber zu schaffen machen, sagte Josef.“

Renate, die den Namen seit einer Ewigkeit nicht gehört zu haben glaubte, staunte noch mehr darüber, daß er sich so leicht hinsagen ließ wie Hamburg oder Wettrennen.