Erasmus sagte weiter, er könnte ja nur abends vor dem Schlafengehn zwanzig oder dreißig Seiten lesen, aber er hoffte doch, vor seinem Tode noch fertig zu werden. — Welch eine tiefe, dröhnende Stimme er doch hatte! — Wer ihm denn der liebste von den Vieren sei, fragte sie, um noch einen kleinen Schlüssel zu ihm zu erlangen.

„Chuzzlewitt,“ sagte er mit grausiger Aussprache, und Renate hörte ihn wieder „Schang Pol“ sagen; Jean Paul freilich, dachte sie, würde sich noch im Grabe freuen, wenn er sich ausgesprochen hörte, wie er wollte. —

Unterweil verbesserte sich der Erasmus und nannte Dickens. Der sei so komisch. — Er lachte gleich: „Ha ha, ha!“ Ja, manchmal nachts im Bette könnte er sich totlachen über Sam Weller, und wenn Mister Micawber sagte: ... kurz! — „Dabei“, setzte er mit einem Anflug von Ehrfurcht hinzu, „ist der Chuzzlewitt für mich viel grausiger als der ganze Dostojewsky.“ Saint-Georges könne ihm vielleicht sagen warum.

„Weil“, sagte Saint-Georges, „die Menschen des Dostojewsky, wie auch die Balzacs, sich noch gebärden. Weil sie Leidenschaften haben, die immer noch den Schein einer wenn auch dämonischen Freiwilligkeit erzeugen, und weil sie diesen Leidenschaften nachgeben, weil sie sich peitschen lassen und selber peitschen, sich beugen und zerbrechen, rasen, stammeln, schluchzen und klagen. Vor allem klagen. Wir sehn dann die Gebärde, aus der die seelische Glut wie Rauch und Flammen hervorschlägt, und das empfinden dann Sie wohl wie — Erleichterung. Bei Dickens aber ist das Leid, wie soll ich sagen — krötenhaft; hockt da, funkelt bösäugig, und es ist ja alles komisch. Drinnen aber hockt die sich quälende Kreatur, stumm, boshaft, verhärtet. Denken Sie mal an Peckskniff. Ein furchtbarer Schurke, der sich für einen Engel hält, aufrichtig. Es läßt sich gar nicht ausdrücken, diese Art, nur Gemeinheiten zu begehn im Schein, in der Form edelsinniger Taten. So kreuzen sich fortwährend die Gebärden, die boshafte der inneren Gemeinheit und die sich in die Brust werfende der scheinbaren Hochherzigkeit.“

„Chuzzlewitt“, sagte Erasmus langsam, mit der Fingerspitze auf dem leeren Salatteller kreisend, „kommt mir vor, als müsse er sich immer heimlich die Hände an den Hosen wischen, damit nicht das Gift aus den Fingerspitzen herunterläuft.“

„Und Raskolnikoff und der Jüngling lecken ihre Fingerspitzen mit Wollust“, schloß Saint-Georges. Sie schwiegen nun.

Renate hörte die Männer sprechen, ohne etwas zu verstehn. Sie sah den Erasmus, wie er im Bett lag, das ihr viel zu schmal und kurz für ihn erschienen war, unter den Bücherreihn an der Wand, das Haar gesträubt um den schweren Schädel, lesend und laut vor sich hinlachend. An seiner Statt erschien ihr der Onkel, in seinem dunklen Zimmer, im Laternenlicht, von Einsamkeit überwölbt dieser wie jener, und hier saßen sie zusammen, nanntens Gemeinsamkeit. Sie begriff nicht, wie all dies in einem Hause sein konnte. Nun wurde wieder der Tisch vor ihr sichtbar, rund, blumengeschmückt, mit silbernen Armleuchtern und stillen Kerzenflammen; ringsum die Gesichter, Saint-Georges gegenüber, gut, ernst und still, das rosige Knabenantlitz seines Bruders mit dem spitzen Kinn, den großen, flachen Augen, und links das überhängende des Erasmus, mit gesenkten Augenlidern unter der gebuckelten Stirn, und dann sah sie diese und sich selbst, die ganze, stille Gesellschaft fern drüben im Spiegel, die Lichter, die Dämmerung umher. Eine tiefe Stimme sagte etwas, sie schrak auf, da eine Hand von rückwärts an ihr vorüber nach ihrem Teller griff, der darin fortschwebte; alsbald versank wieder alles, und ein wenig später sah sie sich im Spiegel drüben aufstehn; sie hob die Tafel auf. Nachdem sie den Gelähmten selbst ins Rauchzimmer geschoben hatte, ging sie in die Halle hinunter und machte Licht.

Die flache Kiste war mit Drahtstiften so leicht verschlossen, daß sich der Deckel mit kleiner Mühe hochbiegen ließ. Sie holte ein Bild in einem dunkelsilbernen Rahmen heraus, lehnte es gegen den Tisch und sah, daß sie selber es war: auf einem Grunde von dunklem Rot, im unteren, linken Viertel des Bildes ihr Gesicht, nach links blickend, im Profil, sehr zart, vergehend, scheinbar in einer Dämmerung schwebend wie eine Erscheinung; rechts oben in einer fensterartigen Öffnung war eine ferne Landschaft, sonnig, ein Birkenweg zwischen Wiesen, bräunlich, rötlich, und ganz wenig tiefblauer Himmel; die Farben ihrer Augen, ihres Haars, ihres Mundes, die in dem gemalten Gesicht kaum angedeutet waren, leuchteten deutlich dort oben.

Ja, dies war doch ein Traum von ihr, von ferne gesehn und geträumt, und vielleicht, wenn es früher gekommen wäre — — ja, was dann? Es waren doch wohl nur Vorstellungen malerischer Art, die sie ihm erregt hatte. Seltsam fröstelnd stand sie vor dem Bild. Wie alt bin ich eigentlich? schoß es plötzlich durch sie hin, aber sie konnte die Zahl nicht finden, war es achtzehn, neunzehn oder zwanzig? Ungeduldig machte sie sich von alldem los, legte das Bild in seine Kiste, den Deckel darauf und ging nach oben.

Durch die offene Tür zum Rauchzimmer fiel Licht in die vordere Hälfte des Speisezimmers; im hohen Spiegel konnte sie ein Stück des Ledersessels sehn, in dem Saint-Georges saß, seine Unterschenkel und den Kopf, den er in die Hand gestützt hatte; den Erasmus hörte sie reden; Tabaksschwaden zogen in der Luft unter der elektrischen Krone.