Auf einmal brannten vor ihren Augen alle Lichterbäume der Stadt, sie hörte Gejubel, Klavierspiel und Kinderlieder, dann das wirkliche Getön ferner Glocken. Und da war der letzte Christabend mit ihrem Vater, mit bescheidenen alten Männerchen und Weiberchen, Kinderchorgesang im Schlackerschnee und der väterlichen Stimme, die den Weihnachtstext auslegte. Da war der erste Weihnachtsabend in diesem Haus, mit einem Berg glitzernder Geschenke, mit dem Gelächter des Onkels, des Erasmus Gefräßigkeit in Marzipan und Spekulatius, mit Josefs Eleganz, mit den Gedanken an Magda und mit Bogners Brief im Kleid auf der Brust. Sie machte eine unwillkürliche Bewegung nach dem Halse und merkte ihren Irrtum: Bogners Brief war erst am zweiten Feiertage gekommen. Die absonderlichen Weihnachtstage, die er beschrieben hatte ... Seltsam, daß sein Weg doch in diesem Hause begonnen hatte ...
Sie fing an, die Hände auf dem Rücken im Zimmer hin und her zu gehn, lautlos auf dem Teppich, nur ihr Kleid knisterte und rauschte, wenn sie sich drehte. Wenn, dachte sie stillstehend, einmal nach mir das Schicksal die Hand ausstrecken wird, so werde ich erkennen, daß seine Füße — vielleicht in dieser Stunde stehn, vielleicht in der glücklichsten früher. Furchtbar finster war es umher. Wo mochte Sigurd nun sein? Käme doch Jason! Alle waren fortgegangen. Saint-Georges wußte jede ihrer Fragen zu beantworten, aber er stand ihr nicht bei. Nicht bei? Ja, bei was denn? Was quält mich? Wie alt bin ich? Wen erwarte ich? Was fehlt mir? Tue ich zu wenig? Oh was sagte doch Saint-Georges einmal von der Sonnenblume? Nein, war es das? Vor ihren Augen brannte wohl kein Licht, in das sich zu verwandeln ihr Herz sich verzehrte. Wie lebten denn Andre? Schiffe gingen unter, es gab Hunderte von Toten, Bergwerkszechen explodierten, und es gab Hunderte Toter, Eisenbahnzüge stürzten um, — ja, verlange ich nach solchem Geschehn? Wie leben Andre? In Armut, in Lastern, in Qual jahraus, jahrein, hülflos verstrickt in Unrettbarkeit, unerbittlich erniedrigt. Aber — Frauen hatten doch Männer und Männer Frauen, auch Kinder; Bogner hatte sein Werk, sie hatte nichts als sich, und Josefs Stimme sagte grandios, wie am Abschiedstage vor einem halben Jahr: Was brauchst du eine Seele? Niemand sieht sie. Und er sagte noch etwas von einer goldenen Bluse, die sie trug. — Sie schritt aufgeregter auf und nieder. — Es ist so still! klagte sie furchtsam. Lebe ich? träume ich? Weihnachten ist, — wem schenke ich was? Wen liebe ich? Alle und keinen. Warum ist niemand da? Oh — Zärtlichkeit! — So geriet sie in die Tür zum Nebenzimmer. Erasmus stand am Schreibtisch und sagte, er habe ihr gerade Gute Nacht sagen wollen; es sei noch zu arbeiten, die Neujahrsabschlüsse ...
Wiederum war sie vor ihn hingestellt. Ganz laut — obgleich sie schwieg — hörte sie sich sagen: Wie wäre es, Erasmus, wenn du mich heiratetest? und sah ihn zurücktaumeln. Jetzt war etwas geschehn. Sie stand gerade und aufrecht, dachte noch: Einen Stoß, — so! — einen Stoß habe ich versetzt! — und währenddem war nichts geschehn; sie sagte währenddem irgendwelche freundliche Worte, die nichts galten. Sie fühlte seine Hand, ließ ihn, tiefer ins Zimmer tretend, an sich vorüber, wandte sich dann und sagte: „Erasmus ...“
„Ja, — ist noch etwas?“ fragte er stehen bleibend.
Er liebt mich ja viel zu sehr, dachte sie klar, und muß allein bleiben.
„Hab auch Dank für den Abend“, sagte sie und ließ den Kopf sinken. Er murmelte etwas und ging.
Am Kamin saßen Saint-Georges und sein Bruder, sahn in die Flammen. Da faßte sie hundert verworrener Fragen in eine zusammen, trat zu dem Gelähmten und fragte, seinen Kopf fassend, schlicht zu seinem Bruder hinüber: „Georges, lieber Freund, was fehlt mir?“
„Kinder,“ sagte er, ohne sich zu bedenken, „es ist Weihnachten.“
„Ach so, deswegen ... Ja, da kannst du recht haben.“
Schon wieder versprochen! Oh ich will ihm eine Freude machen, dachte sie mit Heftigkeit, streckte die Hand aus und fragte bestrickend: „Möchtest du nicht du zu mir sagen?“