Er stand langsam auf, ergriff ihre Hand, küßte sie und sagte schlechtweg: „Wie du befiehlst.“
Jetzt aber fiel alles von ihr ab, sie stampfte mit dem Fuß auf und schrie: „Georges!“ Aber dann, in plötzlicher Sanftmut zerschmelzend, legte sie die Hände zusammen, trat dicht vor ihn und flehte: „Georges, lieber Freund, bitte, was ist mir?“
Er erfaßte ihr linkes Handgelenk, blickte mit tiefer Freundlichkeit in ihre Augen und sagte langsam und sicher: „Nichts ist dir, Renate, gar nichts.“
„Ja, ja,“ nickte sie seltsam erleichtert, „es ist ein Übergang, nicht wahr?“
„Jawohl, ein Übergang“, bestätigte er lächelnd. — Sie seufzte: „Dann ist es gut. Kommt, dann wollen wir noch etwas Schönes lesen, die Leiden eines Knaben, von Conrad Ferdinand, nicht?“
Sie nickte dem Gelähmten zu und ging in die Halle hinunter, das Buch zu holen.
Neuntes Kapitel: Januar
Georg an Benno
Trassenberg, am 15. 1.
Danke, teuerster Benno, danke Dir tausendmal für Deine Karte! — Ich, siehst Du, ich kann nicht schreiben. Wenn Du mein Tagewerk kenntest, würdest Du versteinern. Seit ich hier bin, also seit bald zwei Monaten, kenne ich nur noch ein Ding: die Zentrale. Papas Zentrale, das große rote Verwaltungsgebäude — Du erinnerst Dich — unten am Waldrand, das kaum zu sehn ist und zu dem kein Weg zu führen scheint, gegen das aber eine elektrische Zentrale mit ihren hunderttausend Anschlüssen, Krafteinnahmen und Kraftverteilungen in einer deutschen Großstadt gar nichts ist. Gar nichts, Benno! Dort verbringe ich nun fast den ganzen Tag. Onkel Salm führt mich in alles ein. Verwaltung, Verwaltung, Verwaltung! Hast Du eine Vorstellung, Benno? Nein! So kann ich Dir auch keine erwecken. Stelle Dir nur vor, daß unser ganzes Land mit allen Anhängseln in Übersee, und mit allem, was darin hervorgebracht wird jeder Art — Landwirtschaft, Viehzucht, Heilanstalten, Wissenschaft, Kunst, Industrie und so weiter, so weiter — hier zusammenströmt und von hier wieder aus. Genug! Mir schwindelt der Schädel, wenn ichs denke, die einzige Möglichkeit, die ich habe, ist, mich blind hineinzufressen, wie in den berühmten Berg der köstlichen Hirse. Dann ists in Augenblicken doch, als fräße ich weder, noch grübe mich in dampfende Finsternis, sondern ich stiege, stiege einen gewaltigen Berg hinan, darf nur weder hinaufblicken — um mir nicht den Mut — noch hinunter — um mir nicht die ganze Größe des Ausblicks von oben zu verderben. Zahlen, Zahlen, Zahlen. Um eine elementare Grundlage zu bekommen, lerne ich doppelte Buchführung; dazu Lombardieren, alle Arten des Wechselgeschäfts. Hast Du in Deinem ganzen Leben je einen Kurs gelesen, Benno? Weißt Du, was das ist? Tröste Dich, Benno, ich weiß es auch erst seit kurzem. Im übrigen sorge Dich nicht um mein Herz, es arbeitet wieder vortrefflich. Noch was über Tageseinteilung: weißt Du, daß ich trotz alledem beinah zehn Stunden am Tage schlafe? Folgendermaßen: aufgestanden wird — um fünf Uhr morgens. Siehe da, was ist der Erfolg? Vormittags um zehn, wenn Du träge Deinen Tag anschlürfst, habe ich beinah schon einen Arbeitstag hinter mir, um elf sinds, mit kleinem Imbiß dazwischen, ganz gut sechs Stunden. Dann wird geschlafen, fünf Stunden, im Bett, fest, und wenn Du Dich dann, wie ich, um vier Uhr zum Essen erhöbest, würdest Du jauchzen vor Kraft, Frische und Arbeitswonne, welche drei bis Mitternacht mit Abendbrotpause freudig vorhalten. Also — machs nach, Benno, machs nach und lebe jetzt wohl, es ist Mittag, ich geh schlafen. Wie gesagt: keine Sorgen, guter Engel, und im zweiten Monat nach diesem befinde ich mich wieder im gesegneten Altenrepen. Was macht der Flügel, die Wohnung, die Vögeleins? Grüße alles, was lebt und mir freundlich gesinnt ist, und sei umarmt von Deinem bis in den Tod getreuen