Vom Gipfel ihres giftigen Vertrauns.“

Eine Weile danach löste sie ihre Hand, stieg die Stufen hinunter und setzte sich vor ihren Flügel. Während sie ihr Notenheft lautlos zuklappte und zur Seite legte, hörte sie ihn reden.

„Hölderlins Schicksal hatte er wohl, ein Dichter war er auch, aber niemand wird von ihm sprechen. Es lohnt sich allerdings nicht. In den achtziger Jahren erschien ein Epos ‚Elias‘, später auch noch Gedichte, — ihr könnt euch eine Vorstellung machen, wenn ihr an Enoch Arden denkt; ein weiches, mattes Gedicht, in dem viel von Elias’ furchtbarer Leidenschaftlichkeit die Rede ist. Sonderbar, daß davon nichts Gestalt wurde. Er selber, der das dichtete, war ein so leidenschaftlich atmender Mensch. Du wirst es sehn in den Briefen. Ich kenne ihn nur als grau-, dann weißhaarigen Mann mit gutherzigen braunen Augen und einer wundervollen Stirn, wie ein Stück Himmel gewölbt. Und drinnen das Chaos.

„Die Briefe sind an eine Frau gerichtet, mit der er befreundet war, — damals. Dann liebten sie sich. Sie war verheiratet und hatte Kinder. Ein Jahr rissen sie Beide an der Kette, aber der sie festgelegt hatte, ließ nicht los. Zwei Jahre danach heiratete mein Vater ein sanftes Mädchen, und ich bin ihr Sohn. Sie liegt nun auch schon so lange in der Erde, wie mein lahmer Bruder lebt, und das ist ihr gut.“

Renate, betrübt, fragte nach einer Weile zaghaft:

„Sage mir, Georges ... Giebt es denn das, daß jemand einen Menschen gegen seinen Willen zwingen — —“

Er lächelte mitleidsvoll. „Ich sagte es ja, Renate: hier ist die eine Welt, und draußen die andre, die man auch die moralische nennen könnte. Die Menschen, Renate,“ fuhr er aufatmend mit leichterer Stimme fort, „haben Einrichtungen geschaffen, die sind für unsereinen — nicht schlecht, oder sinnlos, oder falsch, sondern sind: unglaublich schlechterdings, nicht zu glauben, auf keine Weise zu begreifen, weil dir dazu Organe fehlen, — so wie der Fisch nicht atmen kann in der Luft. Etwa folgendermaßen: Gesetzt, du bist ein halbes Kind von einem Mädchen, in einer geldarmen aber zahlreichen Familie. Und ein Mann setzt dir zu, mit Jammer und mit Tränen, mit Flehen und mit Drohungen, er stürbe, wenn du ihn nicht heiratest. Und aus reinem Mitleid giebst du nach und giebst dir nun auch Mühe, jahrelang, ihm gut zu sein, und schenkst ihm Kinder —“

Renate schauderte unbewußt. „Was ist, Georges?“ fragte sie, da er innehielt. Er lächelte sanftmütig.

„Ja, wenn du schon jetzt schauderst, Renate, was willst du denn später tun?“

„Habe ich geschaudert? Ach — bei den Kindern, — von der Frau, die ihren Mann nicht liebt. Nur weiter“, sagte sie kühl.