„Gern, Renate. Immerhin wollen wir uns einen Augenblick lang darauf besinnen, daß — wir zwar da sind zu dem, was wir wollen, also auch um zu lieben, was und wen wir wollen. Daß aber die Welt nicht da ist, um zu lieben, sondern um zu bestehn, also sich fortzupflanzen, wozu sie Frauen braucht, die Kinder gebären. Das tun sie auch. Und auch das ist Liebe.“

Er schwieg. Renate erwiderte nichts. Er fuhr fort.

„Gesetzt also, du tatest alles dies, und eines Tages siehst du nun, es geht nicht, er ist ein trauriges, stumpfes Wesen, mit dem sich nicht leben läßt, er streut Bitterkeit umher, er macht dich zu Alltag, er verstaubt dich mit Nörgelei und Gejammer, und du siehst und kennst dich nun selbst, da du in die Jahre dazu kamst, merkst tausend schöne Kräfte in dir, Flügel deines Geistes, Taster, zarte, innige, deiner Seele, Lust, in dein Weltgetriebe hunderthändig hineinzugreifen, so hilft dir doch alles nichts, und du mußt dir die Seele besudeln und dir eine Hölle machen lassen aus deinem, zum Segen dir geschenkten Dasein, solange — solange er deinen Leib nicht schlägt, denn so lange gehört ihm nach dem Gesetze dein Leib, und alles andre sind Fisematenten. Wenn du aber am Ende einen Andern findest, einen Menschen, einen Edlen, Gütigen, Zarten, Wissenden, und Worte der Ewigkeit klingen an dein Ohr und erinnern dich an dein Herz und was du schuldig bist, dir und den Menschen und deinen Kindern zumeist: nämlich einen so vollkommenen Menschen du aus dir zu machen weißt, und dazu: Freiheit, dein Himmelslehen, die dich rüstig macht, deine Seele zu reifen, deine Kinder blühen und schön zu machen, — und erinnern, was du verschuldet hast, weil du nicht warten konntest, warten Jahre und aber Jahre, bis das kam, was du träumtest, und nicht lieber mit allen Träumen wie eine triumphierende Meereswoge in dein Grab gestiegen bist, so hilft dir all das doch nichts, denn du bist kein Mensch, du bist eine Sünderin bloß, auf die jeder den ersten Stein zu werfen bereit ist, am ehesten aber ihr Mann, und bist nicht würdig, Kinder zu haben, denn du bist gemein. Denn mit einer Ehe verhält es sich so, daß du sie nur nicht zerbrechen darfst, brechen darfst du sie in Hirn und Herzen wohl tausendmal bei Tag und Nacht; aber wenn du nur deinen Leib im alten Bette läßt, so bist du edel und würdig, Kinder zu haben.“

Renate war so heftig aufgesprungen, das der Deckel des Klaviers, auf dem ihre Hände lagen, zuschlug und alle Saiten nachdröhnten.

„Es ist Wahnsinn,“ sagte sie, „es ist mir unerträglich zu hören.“

In ihrem großen, schwarzen Kleide rauschte sie in der Kapelle hin und her, blieb stehn, faltete die Hände vor der Brust und rief zu ihm hinauf:

„Ich will nicht, daß es wahr ist, Georges, ich will es nicht! Es macht mich unrein in allen Frauen, die so etwas dulden können. Sage, daß es — vergieb mir, Georges,“ bat sie leise, „ich habe dich über mir vergessen.“

Sie wogte, ihr war, als müßte sie in Tränen ausbrechen. „Ulrika, was sind wir für Wesen,“ klagte sie, „es ist ja nicht zu sagen!“

„Dies, Renate,“ hörte sie Saint-Georges von oben, derweil Ulrika gesenkten Hauptes verblieb wie vorher, „dies ist ja alles nichts. Auch das ist nichts, daß ein Mann, weil er zu schwach ist, daran zugrunde geht. Aber daß eine Frau, eine solche Frau, die ich beschrieb, es nicht nur leidet, sondern sich daran gewöhnt, das ist — sagen wir — erstaunlich. Erinnerst du dich“, fragte er, „Dora Vehms, der Schwägerin Irenens?“ Renate nickte. „Ich denke,“ fuhr er fort, „die muß dir gefallen haben. Ich weiß Einiges von ihr, sie soll an Lebenskräftigkeit, an sachlicher Tüchtigkeit ein Wunder sein; ihr sah das Bild jener Frau, das ich bei den Briefen meines Vaters fand, etwas ähnlich, und ich glaube, sie wars auch im Wesen. Nun denke dir solch eine Frau, und weiter denke dir folgendes.

„Bei den Briefen meines Vaters — die er also scheinbar von ihr zurückerhielt, wie er ihr die ihren zurückgab, denn ich fand keine — lagen zwei mit einem Jahre späteren Datum; der eine von seiner, der andre von ihrer Hand. In dem ihren stand etwa folgendes. Er möge ihr doch nicht schreiben; er wisse, daß sie versprochen habe, jede Gemeinschaft mit ihm abzubrechen, und sie wolle das halten. Nun wolle sie ihm aber noch mitteilen, daß sie sich sehr über die Nachricht von der Geburt eines Sohnes gefreut habe; ja, so sehr, daß sie gedacht habe, nun dürfe sie auch noch einmal eine Freude haben, und die sei ihr denn auch erfüllt, und sie habe vor einiger Zeit einen Sohn bekommen.“