Renate sagte: „Au!“ ohne es gewollt zu haben.
„Wunderst du dich“, hörte sie Georges, „über die Logik? — Das also schrieb sie und setzte noch hinzu: alles was je zwischen ihnen Beiden gewesen wäre, das sei unvergänglich, oder so ähnlich. Und zum Schluß wiederholte sie: er möge ihr, wie gesagt, nicht schreiben. Wenn er ihr aber doch schreiben wolle, so möge ers gleich tun, denn ihr Mann sei eben verreist. — Sagtest du was, Renate? Sag au, Renate, immer sag au, aber bitte: denke dir keine alberne Gans als Schreiberin jenes Briefes, denke dir Dora Vehm, die du kennst, ja denke eine so verständige Frau, wie du selbst bist, und wundere dich nur, wie — Erniedrigung die Menschen erniedrigen kann! — Sie bekam also einen Sohn von — dem Mann.
„Und der andre Brief,“ redete er mit einer grausamen Leichtigkeit weiter, „den ich fand, der von meinem Vater, der war augenscheinlich nicht abgeschickt worden. Es stand nur darin, daß er auf ihre Nachricht hin nichts weiter sagen könne, als daß sie durch die fortgesetzten Keulenschläge auf ihn, und damit auf sie selbst, sich gleichsam immun gehämmert habe. Er empfinde deshalb weiter keinen Haß gegen sie, müsse aber doch sagen, daß, wenn er hören würde, jemand habe sie durch ein rasches Gift oder durch einen Messerstich aus der Welt geschafft, daß es ihm nicht leid sein würde.“
Er schwieg. Renate saß so völlig leer von Gedanken und Gefühlen, daß sie mit einem seltsamen Schauder die Flammen der Lichter, die Gestalt von Georges, Ulrikas Kopf, die Wände, alles in sich hereinschweben spürte, als ob sie Luft geworden wäre und alles umfassen könnte. Dann schmerzte ihr Kopf; sie kam zu sich. Saint-Georges sagte:
„Was haben wir denn, wir — Andern? Wenn es denn schon Niedriggeborene giebt, und wenn sie uns zwingen können, was haben wir denn für uns, als: besser zu sein und immer besser zu werden? Wenn sie niedrig sind, so ist doch ihre schlimmste Niedrigkeit die, daß sie uns nicht verstehn, und daß sie uns verurteilen, wir aber, wir können sie verstehn und ihnen die Niedrigkeit nachsehn. Dieser Mensch da, dieser Andre, ihr Mann, der hatte nie etwas andres als sich selbst und seine Begierden. Die aber sind es, die nichts haben als sich und ihre Begierden, die sich zum Schutze jene Gesetze ausgedacht haben, nach denen nun alles geregelt wird. Wenn du nach Jahren des Jammers und des Ekels, der Ohnmacht und der Verzweiflung dich eines Tages vergißt und in deinem armen, unseligen Mädchenhunger nach ‚Glück‘ den Rest der Süße, die dir noch verblieben ist, mit einem andern Mann teilst, als deinem Ehegatten, so bist du nur gemein und wert, davongejagt zu werden. Giebst du aber nach, weil du Kinder hast und weißt, man stirbt an vernichteter Liebe vielleicht, aber niemals an Mutterliebe, und bleibst und läßt dir Leib und Seele vergewaltigen, so bist du edel und gut, und ob du gemein bist oder edel, das hängt nicht von dir ab, sondern von dem, was du zu tun scheinst. Die Kinder aber, die du geboren hast, mit deinen Schmerzen, mit deiner Todesnot, mit deiner unbeschreiblichen Gutwilligkeit, etwas herauszuschenken aus deiner Fülle, und wenn es dich das Leben kostet, die du ernährt hast und erzogen, jahrelang allein, während sie deinem Mann ein unverständliches Spielzeug waren, und späterhin, wo er nicht viel mehr Zeit für sie hatte, als sie Sonntags zu prügeln für die Wochensumme ihrer Unarten, — diese Kinder legt er dir als Kette um dein Herz und erdrosselt dich mit deiner eignen —“ Er verstummte und fuhr gleich darauf leiser fort: „Das Gesetz, so heißt es nämlich, ist für Alle da und muß deshalb schematisch sein. Verfolgst du nun aber einen Scheidungsprozeß, so findest du Monate und Jahre womöglich an Zeit und Mühseligkeit aufgewandt, um jeden Schmutzfleck, jedes Staubkorn aufzudecken, um alles und aber alles aufzuhäufen, was mit dieser Angelegenheit nur von fern einen Zusammenhang haben könnte, aber geurteilt wird am Ende nach dem Schema. Ist das nicht ein ekelhafter Widersinn? Dies aber ist möglich, denn hier liegt das Gesetz mit seinen angestellten Richtern und hier die Einrichtung der Anwälte. Denn das Gesetz, heißt es, muß da sein, danach kann es verdreht und gedeutet werden. Wem aber kommt dies zugute? Den Findigen, den Hurtigen, den Geschickten, und allemal sind auch dies die Untiefen, die Leichten, die Liederlichen, die zur Ehe zusammenlaufen und wieder auseinander, die ihre Kinder verwahrlosen lassen oder zerdrücken, die gar nicht wissen, was ein Kind ist, dies heilige Geschöpf, die finden im Gesetz ihre Möglichkeiten, ihre Erlaubnisse, ihre Freiheiten. Aber der Edle, der Schwere, der Wahrhaftige, der Zarte, der Scheue, der Liebende, der Fromme, wenn der sich fürchtet, vor allen Augen den Unrat zu offenbaren, mit dem er beschmutzt wurde, so kann er von jeder Bestie vergewaltigt werden, deren Eigentum er zufällig ist wegen einer jahrealten Unbedachtheit. Bei Gott hat dein Vetter Josef recht, als er sagte, daß der Mensch vielleicht gut sei, alle zusammen aber eine Gemeinschaft von Bestien.“
Nachdem seine Worte stets eisiger und härter geworden waren, hörte Renate ihn nun mit Gelassenheit sagen: „Merke dir für alle Fälle, was ein Gesetz ist. Ein Gesetz ist keine Einrichtung, um zu nützen, zu schützen, zu erleichtern, den Guten zu helfen und die Schlechten zu unterbinden, das Gute zu fördern und das Böse auszutilgen, sondern ein Gesetz ist dazu da, daß die Menschen nach ihm gemessen und beschnitten werden, daß sie mit ihm sich gegenseitig verurteilen und mißhandeln, Gewalt antun und verkröpfen.“
Er war, noch während er den letzten Satz hinwarf, aufgestanden, kam vom Podium herunter und reichte Ulrika die Hand. Neben Renate stehend, sagte er:
„Lies die Briefe. Sie sind schön, sie sind leidlos. Die übrigen hab ich verbrannt. Es steht nirgend der volle Name der Frau drin, an die sie gerichtet sind, und das ist ganz gut.“ Renate sah trübe zu ihm auf, aber er lächelte nun und schien alles für erledigt zu halten. Sie faßte seine Hand und fragte ängstlich:
„Sag mir noch —, ist die Krankheit deines Vaters — —, hängt sie zusammen mit —“
Er schüttelte nachdenklich den Kopf und erwiderte: „Laß das Fragen. Es weiß keiner genau. Krankheiten des Gehirns kommen wohl niemals von außen, sie können höchstens beeinflußt und — vielleicht — verfrüht werden. Also vielleicht ein Unterschied von fünf Jahren, um die ich länger einen Vater gehabt hätte. Er ist nun tot und hat Frieden. — Draußen ist Februar. Da zieht ein Winter nach dem andern herauf. Er und die Gestorbenen bleiben sich unveränderlich gleich, und dazwischen leben wir und geben uns keine Mühe. — Gute Nacht, Kinder, gute Nacht!“