Es war lange Zeit still in der Kapelle. Ulrika stand auf, ergriff die Lichtschere und beschnitt alle Dochte vorsichtig und säuberlich. Renate ging in der Kapelle hin und her, stieg zur Orgel hinauf, setzte sich. Sie schauderte leise, bedenkend, daß der Freund nun wieder durch die Winternacht ging, allein, zu dem gelähmten Bruder und der Aussicht auf die Gefängnismauer, die sie plötzlich begriff. Tief aus ihrer Versonnenheit fragte sie endlich Ulrika, die wieder vor ihren Noten saß: „Und was sagst du zu alledem?“

Ulrika hob langsam den Kopf. Gegen die Dunkelheit hinter ihr zeigte sich, von den Kerzenflammen hell beschienen, ihr Profil, streng Nase und Brauen, wie wenn sie spielte, und in dem für Renate sichtbaren Auge glänzte es feucht und rötlich auf vom Lichterschein. Sie sagte nichts, sondern klappte das Heft vor sich zu, stand auf, ging um den Flügel, legte es hin, legte, in der Einbuchtung des Flügels stehend, beide Unterarme auf die Platte, senkte schließlich den Kopf tief darüber und sagte:

„Ich bin auch verheiratet.“

Renate zuckte zusammen und regte sich nicht. Aber da richtete Ulrika sich schon wieder auf, strich eine Haarsträhne aus der Stirn, machte sie fest, wandte sich und sagte:

„Du mußt nichts Falsches denken. Mein Mann ist sehr gut. Ja, er ist wohl noch viel besser, als ich bisher gedacht habe, nach dem, was ich heute höre. Aber die Menschen werden wohl allerlei reden, weil er niemals hier ist.“

Sie legte die Arme wieder auf die Platte, ließ die Augen umherwandern und sprach leise weiter:

„Du mußt wissen, daß ich niemals etwas andres gekannt und gewußt habe als mein Klavier. Ich verlobte mich, weil es so kam und wir uns sehr gern hatten, und am Ende heirateten wir auch, aber ich dachte nicht, daß das etwas Besondres wäre. Ich wußte ja nichts. Gar nichts. Und so — nun, so war ich am andern Tage wieder bei meiner Mutter. Ich bin dann wieder zurückgegangen, aber — seine Frau bin ich nie gewesen. Ich weiß nicht,“ sprach sie schnell weiter, „all das hat mir immer ganz einfach geschienen, nur dies eine, das er von mir verlangte, als etwas Ungeheures, und jetzt ist es plötzlich umgekehrt, und es scheint, als wäre es ungeheuerlich, daß er sich in alles fügte, aber das eine hätte ganz einfach sein sollen. Oder doch nicht? Wer sagt mir das nun? Da ich nichts wußte, so wußte ich doch auch von mir selber nichts. Ich brauchte mich selber ja nicht, ich hatte ja mein Klavier, wozu mußte ich das eine für mich behalten? Wem hab ich damit gedient? Mir doch nicht. Wie er leben mag, das weiß ich freilich nicht, er ist in seinem Auslandgeschwader, und wir reisen jedes Jahr ein paar Wochen zusammen. Das ist freilich keine Ehe.“ Sie brach ab und legte das Gesicht in die Hände.

„Wenn es dich beruhigen kann,“ sagte Renate sanft, „ich würde so gehandelt haben wie du.“

„Ach,“ sagte sie nun, aufschauend erhitzt und rot, „das ists ja wohl gar nicht, was mich plötzlich beschwert. Ich habe ja auch meine Freiheit und kann —“ Sie brach wieder ab, legte jählings den Kopf in die Arme und auf das Instrument und weinte.

Renate glaubte, alles zu wissen. Sie stand leise auf, ging hinunter und zog die Weinende in ihre Arme. Dort wurde sie bald ruhiger, trocknete ihr Gesicht, lachte leise und sagte: