„Du meinst nun, ich dachte, es könnte mir so ergehn wie der Frau, von der er erzählte, aber findest du nicht, daß ich einen Vorsprung habe? Oswald ist doch gut, ich weiß, er ist gut“, sie faltete die Hände, drückte die Unterarme gegen die Brust und die rechte Wange gegen den Handrücken und fragte ängstlicher: „Glaubst du nicht, daß er gut ist? Nach allem, was wir hörten —, aber —“ sie warf Hände und Arme auseinander, ließ den Kopf sinken und sagte: „Da hab ich zeitlebens in die Noten gestarrt, und wenn was passiert, werde ich selber schuld sein. Endlich kam Bogner und machte ein Fenster auf; das war er selbst, und vor lauter Wundern und Gegenständen draußen sah ich ihn selber nicht. Da kommt nun dieser Saint-Georges und macht das Fenster einfach zu, und da steh ich nun, und da seh ich ihn nun, und es ist finster, und draußen mögen die schrecklichsten Dinge bevorstehn —“ Sie verstummte und starrte verloren an den Boden. —

„Komm,“ sagte sie plötzlich, „ich muß heim.“

Sie fing an, die Lichter auszublasen. Renate ging willenlos zur Kurbel für die elektrische Lampe, die häßliche Helle bedrückte sie, und Beide verließen eilig und schweigsam den plötzlich ungastlich gewordenen Raum.

Renate, in ihrem Zimmer später, glaubte beide zu spüren: von Ulrika her Schatten einer Zukunft, von Saint-Georges her die Schatten des Vergangenen, und ihr Herz zog sich schauriger als je zusammen. Dann aber ließ dies ab, und statt dessen brachen von innen die Schauder der Gegenwart, da sie sich mit deutlichen Worten sagen mußte: Da stehst du unversehrt und freust dich dennoch nicht, sondern du ängstigst dich vor Kommendem, und gleichfalls wäre dir alles andre lieber als diese deine schöne Leere. — Da — plötzlich — erschien die immer fremde Freundin ihr, wie sie zuvor neben dem Flügel stand im Lichterschein, seidenbraun, rot im Haar, und bleich neben dem schwarzen Ungetüm, und die Arme auseinanderwarf und etwas sagte, das Renate nicht mehr wußte und verstand, in den schmerzlichen Brauen aber, in den Winkeln des Mundes und in den Augen so viel jäh ausbrechende Inbrunst und innerstes Leuchten, daß Renate erschrak. — Sie ging auf und ab im Zimmer.

Ihre Brauen —, an denen hing sie jetzt fest. Was ist denn, Ulrika, du fremde Seele, nun habe ich Jahre schon, sooft du saßest und spieltest, deine Brauen geliebt — fast — ja fast wie ein sehr schönes, adliges Tier, einen Aar, einen Sperber — so ernsthaft ausgebreitet schwebten sie dunkel überm großen Strom der Musik, — und immer doch habe ich sie vergessen müssen, wenn der Strom endete und — du selber da warst. Dann blieb da ein feines, zartes, unendlich gescheites, ernstes und liebenswertes Geschöpf, aber zwischen ihm und mir — war Zwischenraum, und ging er nicht von dir aus? eine Zauberluft, in der du dich abschlossest? Und warest du erst abwesend, so vergaß ich dich fast, und du warst nicht viel mehr als ein farbiger Schatten.

Und das wars natürlich auch — ja, das wars vor allem: Wann hätte sie je von sich selber gesprochen? Oder so sie’s tat, wars — Musik; ihr Lernen, ihr Vorwärtskommen, Konzerte ... Warum aber das? Ach, sie war doch verheiratet, hatte einen Mann —, wovon zu sprechen natürlich gewesen wäre, aber dies — hatte ja kein Dasein in ihr, es sei denn ein so verfehltes, daß es verdeckt werden mußte vor ihr selber. Und er — mein Gott, ja — er, der Einzige, der ihr der Nächste sein sollte — ihn mußte sie immer fernhalten von allen Gedanken, vom ganzen Leben, — und davon blieb die Haltung dann wohl, die innerlich abweisende Gebärde, die Einsamkeit, in der dem dunklen Göttervogel an ihrer Stirn die Flügel hingen, bis er sie wieder ausbreiten durfte im pfeilgraden Flug über Strömen.

Sie blieb stehn und sah den Ech-en-Aton, der aus seiner Ecke über sie hinweg blickte, wie seit ewig. Ja, staunte sie, du ja auch! In Ulrikas Haltung nicht, nicht in den Zügen, — im Wesen war dieser Blick — über alles hinweg, der mir manchmal — wie Hochmut schien, trotz deines warmen und glühenden Herzens, für alles was edel, rein und wahrhaftig ist. Doch verurteiltest du manchmal, und wo du nicht verstandest, da wolltest du auch nicht verstehn. Oh gleichviel, bin ich vielleicht besser? — Diese Frau — Renate wandte sich ab —, wie Georges sie erklärte, war sie unsäglich liebenswert und traurig, allein — — Sie blickte wieder das kleine Königsantlitz an. ‚So glaubten Heilige, und so verbürgt es die Form der Sonnenblume‘, murmelte sie. Sich verwandeln, wie? Ja — Ulrika, — sie war Musik und nichts andres. Wie sagte sie selber? „... daß ich nie etwas andres gekannt habe als mein Klavier.“ Das wars wohl. Und du, Bogner — ah, wars das, was dich zu ihr zog: Glut, unstillbar, wie die deine, zum einen Ziel, und die Verwandlung? Du aber bist doch nicht einsam, nicht verschlossen, obgleich ... Sie brach seufzend den Gedanken ab.

Nicht einsam? nicht verschlossen? nicht mir ewig fremd?

Und doch, fing sie nach einer Weile wieder an, kaum bemerkend, daß sie auf einem Stuhl saß, — Ulrika war — mehr als — beschlossen. Sie war — — Angestrengt nach einer Vorstellung suchend, fand sie schließlich: befangen. Das ungefähr, dachte sie, gefangen in sich selber, unfrei irgendwie in der einen Aufgabe. Georges — Renate lächelte —, was würdest du nun sagen? — Jedoch fiel ihr ein Wort Josefs ein: Tennisspielende Frauen werden schief; tennisspielende Männer niemals. Und — hatte er hinzugefügt — jeder Frau, die alles an eine Sache setzt wie ein Mann, es sei denn an die natürliche, ergeht es wie den Tennisspielerinnen.

Ist uns denn — mein Gott! — murmelte Renate verzagt, wirklich nur die eine Stelle im Dasein gegeben, um zu lieben und ganz wir selber zu sein und schön?