Wieder war über ihr das Königsgesicht, fortblickend ins Ewige. — Er lächelt ja! durchzuckte es sie leise. Sie senkte den Kopf: Und was steht vor deiner Seele, Renate, und fordert die Verwandlung?
Lange Zeit blieb alles leer in ihr und dunkel. Dann fiel ihr ein, daß sie das Paket mit den Briefen in der Kapelle hatte liegen lassen. Also ging sie fröstelnd und traurig, — von Treppe zu Treppe, von Zimmer zu Zimmer von dem auflohenden und verlöschenden Licht begleitet, durch das dunkle Haus, den zerstörten Frostgarten und in die Kapelle, wo sie noch die halbe Nacht, da Streichhölzer fehlten, unter der hochhängenden Glühbirne saß und schaudernd in der Nachtkälte mit heißem Gesicht las, als wäre sie es Saint-Georges schuldig, was sein toter Vater einst schrieb.
Zweites Kapitel: März
Leda
Georg, abgespannt von überhitzten Arbeitswochen in Mozarts Figaro sitzend, merkte schon während des ersten Aktes, daß es ihm wie immer erging: nach dem ersten wunderbaren Durchspültsein von der göttlichen Musik, dasitzend mit geschlossenen Augen, um die Bühnengeschehnisse unbekümmert, entfaltete in ihm sich Phantasie; Bilder, von den Klängen tiefer gefärbt und bewegt, schwirrten auf, schwanden, wiederholten sich und vergingen unter neuen Erinnerungen an dies und jenes, Gedanken an die Zukunft, die er erleichtert sah, plötzlich ein Stück Traumes aus der letzten Nacht, ein Mädchen, eine Frau — deren Gestalt und Züge ihm kaum noch erinnerlich waren, die er geliebkost hatte, wie sie ihn, bis zur höchsten, letzten Wollust liebkost, in einem Garten ... worauf er, erwachend, dann merken konnte, daß nur seine Seele geträumt hatte, nicht aber sein Leib. Und wieder, wie in der Nacht, fühlte er das Peinliche der Erleichterung, — und Erleichterung doch. Diese Weise war immer noch besser als — — er zerdrückte das Übrige, sah, die Augen öffnend, ein wenig geblendet von der Helligkeit der Bühne, eben den Grafen, ohne daß ers gleich merkte, den silbernen und blauen Cherubim aus der Decke hüllen, lächelte zerstreut und ließ sich untergehn im harmonischen Wirrwarr der Instrumente und Stimmen, bis der Vorhang fiel.
Benno hinter ihm seufzte tief auf, und sein heißes, gerötetes Gesicht kam zum Vorschein mit ersterbenden Augen. Allein, wie deren Blick jetzt in das Logenhaus hinunter geriet, zeigte sich Erschrockenheit darin. Er faßte Georg am Arm und flüsterte:
„Sieh nur! das Gespenst unten! Drüben auf der Seite, in der dritten — vierten — fünften Parkettloge, wo all die Schauspielerinnen sitzen!“
Georg suchte dort, über die Brüstung der Proszeniumsloge geneigt, und gewahrte in der Tat bald ein seltsam gespenstisches Gesicht, das, als gehörte es zu einem Kinde, dicht über dem grünen Plüschwulst der Brüstung war: gelbes, in die Stirn gekämmtes Haar, unter dem hervor aus dem ganz weißen, altkindischen Gesicht mit spitzer Nase, unbestimmt helle Augen umherspähten, sich verdrehend, so daß darin das Weiße glänzte, äugend in einem abstoßenden Gemisch von Munterkeit und Bosheit. Ein Gespensterwesen ohne Jugend und ohne Alter, fast Knabe und fast Mädchen ...
„Siehst du?“ raunte Benno. „Ein Vampir!“
Allein Georgs abirrender Blick hing an dem Gesicht daneben fest, aus dem zwei schöne und traurige, dunkle Augen ihn anblickten; ihn? — ja — gewiß — ihn, — und zwar senkte sie wohl gleich die Lider — sehr schwarz und lang mußten die Wimpern auch am untern Lide sein, denn die Augensterne waren rundum verschattet —, aber im nächsten Augenblick kam der Blick wieder empor und hing an ihm fest, viele Sekunden lang. Dann wagte Georg es, zu lächeln; sie blieb ernst. Nein, nun lächelte auch sie, traurig, und schlug die Augen nieder.