Georg streckte die Hand nach dem Opernglas, das Benno haben mußte, murmelte, er müßte das Gespenst sich näher ansehn, erhielt es und konnte nun die Gesichter beide nahe vor sich sehn und in fast natürlicher Größe. Das des Gespenstes war weiß geschminkt und abscheulich; auch das der Andern war — ein sehr weiches, fast rundes Oval — weiß, eher ein wenig grau, wie von vielem Schminken. Auch diese — waren es wirklich Schwestern? — trug das Haar in die Stirn gekämmt, aber es war tiefbraun, sehr altem Mahagoni oder polierter Eiche gleich, ja, es schien fast einen grünlichen Hauch zu haben wie Bronze, — aber das kam wohl von dem nahen Samtgrün der Brüstung und — ja, auch ihr Kleid war von ähnlich grünem Samt. — Befremdend war der Mund, von dem nur in seiner Mitte ein hagebuttengroßer, tiefroter Fleck der Oberlippe sichtbar war; die Mundwinkel, tief ins weiche Wangenfleisch eingebettet, waren darin wie ausgewischt, ähnlich wie die Augen vom Schwarz der Lider.

Indem sah er sie ein kleines Opernglas heben, aber gleich wieder sinken lassen, — wohl da sie das seine auf sich gerichtet sah.

Und dann, nachdem er das seine fortgetan, blickten sie einander wieder in die Augen, in Pausen, wieder und wieder. Es war süß, melodisch, — fast wie Drosselgesang, dachte Georg. — Dann begann der nächste Akt.

Wer ist sie? dachte Georg, wieder im Dunkel geschlossener Augen und wirrer Harmonien. Hat sie mich erkannt? Ach, wahrscheinlich doch! Überall haben sie ja Photographien von mir aufgehängt. Freilich, wenn die Menschen einen vor sich sehen — im Laden zum Beispiel —, denken sie doch nicht, daß mans sein könnte. Er lächelte, da ihm einfiel, was der berühmte Gaffron, der Mime, ihm einmal erzählt hatte, wie er eine Ansichtskarte von der Wiener Burg gekauft und die Verkäuferin ihm eine empfohlen hatte mit den Worten: Da habens auch den Gaffron gleich mit drauf ...

Er wandte sich und suchte im Dunkel der Menschen unten ihr Gesicht, fand es auch, mattweiß leuchtend, und sah, daß sie zu ihm emporblickte. Obwohl er ihren Blick nicht wahrnehmen konnte, fuhr er fort, hin und wieder sekundenlange Blicke mit ihr zu tauschen, dieweil er dachte:

Will sie etwas? Sie sah so ernst aus; das muß echt sein. Nein, dirnenhaft war sie doch gar nicht! Empfand sie wirklich etwas für ihn? Ach, ja so wars immer mit ihm gewesen: die er hätte haben mögen, pflegten ihn nicht zu sehn, solange sie nicht wußten, wer er war, und die Unbekannten, die ihm ihre Geneigtheit zeigten, stießen ihn ab eben dadurch. Auch diese — — sie ging fast zu weit ... Und was nun? Nun das Anknüpfen, das unleidlich war. Sie mußte ihm erst doch mehr entgegenkommen, damit er sicher würde, dann wars ja einfach, allein — — um so mehr würde dann wieder die Zudringlichkeit ihn abstoßen ... Und natürlich grade heute mußte ihm dies begegnen, wo er nach Wochen und Wochen des Schmachtens und Leidens — nun einmal sich bedürfnislos fühlte! Dieses Leben hier war von allen Bestien die heimtückischeste.

Schweren Herzens, als der Vorhang fiel, erhob er sich doch langsam und sah sie aufstehn. Bennos Arm nehmend, schlenderte er durch das heiße Gedränge auf den Treppen und Gängen, behelligt und unwirsch vom vielen Ansehn derer, die ihn erkannten, in den Wandelgang hinter den Proszeniumslogen hinunter, der fast leer war. Sie stand in der Tür ihrer Loge und sah ihn kommen, bewegte sich vor, ging an ihm vorüber, ihn ansehend, ohne zu lächeln.

Und dann begegneten sie sich, Beide umwendend — Benno, aufgelöst in Musik, wanderte blindlings und schweigsam mit —, begegneten sich noch einmal — und lächelte sie jetzt nicht wieder? — und ein drittes Mal, worauf sie verschwand. Das grüne Samtkleid, das schlecht und lose saß, wunderte Georg, ohne seine wachsende Zuneigung viel zu stören.

Oh er würde sie lieb haben können! Wenn sie nur nicht törichten Geistes war, — aber das schien nicht so. Also mußte es sein. Mußte, mußte! Nicht wieder aus Feigheit die Gelegenheit versäumen! Nun — aber wie? — Es mußte sich finden ...

Der dritte Akt war noch nicht halb vorüber, als Georg sie mit dem Gespenst flüstern sah. Dann stand sie auf, stand noch einen Augenblick aufrecht, zu ihm aufblickend, und verschwand.