Georgs Herz tat einen Sprung und begann zu rennen. Festgebannt noch für Sekunden, erhob er sich dann doch und sagte zu Benno, er müsse ihn entschuldigen, und, verlegen lächelnd: ein Abenteuer verlangte ihn ...

„Aber wie denn, Georg?“ fragte Benno fassungslos. „Ich hab doch gar nichts gesehn!“

Georg drückte ihm die Hand, verließ eilig die Loge, ließ sich Hut und Mantel geben und lief mit angstpochendem Herzen hinunter. Noch auf der Freitreppe sah er sie unten in der Halle stehn, — ja was für einen abscheulichen, vergilbten alten graden Strohhut hatte sie denn auf dem Kopf! — Georg fand sie so entstellt, daß er fast dies als letzten Ausweg benutzt hätte, um davonzukommen, allein was sollte Benno denken? — Sie stand — er sah sie von der Seite —, langsam einen schmutzigen weißen Glaceehandschuh anziehend —, und nun wandte sie sich herüber, sah ihn und ging schnell hinaus. Er folgte. Sehr langsam; so langsam er konnte.

Die dunkle, enge Straße war voll von wartenden Automobilen und Equipagen. Die Nachtluft atmete lau. Und dort links bewegte ihr Schatten sich davon, auf das rote Leuchten der breiten Goethestraße zu. Langsam folgte Georg, mit Entschlußlosigkeit kämpfend, mit: Soll ich? und: Soll ich nicht? wechselnd fast bei jedem Schritt. An der Ecke angelangt, gewahrte er sie erst nach einigem Suchen schon fern drüben auf der andern Seite, wo das steinerne Brückengeländer die Häuserzeile fortsetzte, und etwas rascher nachgehend, sah er sie über die Brücke, am Gitter der Molkerei hinabgehn, dann um die Ecke biegend entschwinden. Selber dort — auf einmal ganz verwirrt vom Erinnerungsgeruch der Gegend, durch die ihn jahrelang sein Schulweg geführt, — sah er sie wieder auf der andern Seite der zweiten Brücke über der Flußbiegung, und sie stand still an der Brüstung, flußabwärts blickend, — dorthin, wo am linken Ufer sein alter Schulhof lag und dahinter das rote Haus mit der Sonne auf dem Türmchen ...

Ja, nun mußte es geschehn. Unaufhaltsam kam er näher. Was war zu sagen? Abscheulich war das ja! Und dies Wesen war womöglich ihre Schwester mit dem Gespenstergesicht! — Und dann ballte er sein Innres zusammen wie ein Papierknäuel, trat neben sie und sagte — eben zwei näherkommende Männer gewahrend — im Ton alter Bekanntschaft, wenn auch heiser:

„Es ist angenehm kühl hier, nicht wahr?“

Nun erst wandte sie das Gesicht herum, lächelte ein wenig krampfhaft, bewegte die Lippen und sagte endlich, dieweil Georg plötzlich in schönster Sicherheit dachte: sie hat ja mehr Angst als ich! —:

„Ja.“

Und nun gingen sie zusammen weiter, Georg besinnungslos dies und jenes redend, von der Musik, von den Darstellern, ohne zu wissen, was er sagte, — gingen die dunklen, laternenerhellten, gewundenen Straßen, wo Georg jeden Stein kannte, an seiner alten Öltzenstraße, ganz nahe am Pragerschen Hause, am Kolonialwarenhändler Kiffe, am Bäcker Engelhardt vorüber, an den alten Schildern mit Anpreisungen von Malzkaffee, Kindermehl, Leibnizkakes, — wo Georg dann merkte, daß er vor Erinnerungen wieder verstummt war — einerseits, und daß sie ja in der Richtung seiner Wohnung gingen — andrerseits.

„Wohin gehen wir eigentlich?“ fragte er da kameradschaftlich.