Sie glaubte, daß sie auf der Veranda stehe und über die Stufen in den Garten schaue, in dem es nicht dunkel, nicht hell war; schattenloses Traumlicht herrschte, es war alles grün, Bäume und Büsche standen dichter und stiller als sonst. Da begann etwas Weißes sich im Garten umher zu bewegen, und sie erkannte sich selber, die auf dem um den Rasenplatz führenden Wege plötzlich deutlich sichtbar ward und sich in das enge Grün hinein entfernte. Darin taten sich immer neue Wege auf, und ihr Gehen war schön und friedlich anzusehn, und jetzt war sie es auch wirklich selber, die ging, und sie sah sich nicht mehr. Hinter ihr sagte die Stimme Bogners: Jetzt kommen die großen Verneigungen. Da war wieder die weiße Gestalt, sie selber, und hatte auch schon angefangen, sich zu verneigen, mehrere Male, im Gehen, und aus Verneigung und Sichaufrichten wurde ein sehr ernster Tanz, der endete, indem all dieses verschwand in einem grenzenlosen, leidenschaftlichen Schluchzen, das aus allen Tiefen und Höhen zugleich herauszuquellen schien, zusammenschlug und sie verschlang. — Renate ging suchend im Garten umher, Magda wars, die sie hinter allen Gebüschen suchte, immer ängstlicher und aufgeregter, allein immer, wenn ein Weg und ein Blick frei zu werden schien, verstellte etwas die Aussicht, ein Mensch, den sie umgehn, ein Busch, ein Zaun, ein kleines Haus, um die sie laufen mußte, und auf einmal befand sie sich vor ihrer Orgel, die mitten in einem Walde stand. Es war dämmrig geworden, und oben auf den matt glänzenden Pfeifen saßen regungslos viele dunkle Vögel ohne Augen, und sie sagte: Das sind die Eulen. Sie mußte die Bälge wohl angetrieben haben und dachte, wenn ich ganz leise spiele, werden die Eulen es vielleicht nicht merken, sonst würden sie gewiß aufgeplustert und in die Luft geworfen werden, und sie zog Vox humana und das Flötenmanual auf, aber indem sie nach ihren Füßen blickte, die sie auf die Pedale setzen wollte, hörte sie hoch über sich die Vox humana ganz fern Agnus dei singen, vor ihren Füßen aber rauschte Wasser klar hervor, die Orgelpfeifen standen darin, und in der hellen Flut wurden erst Hände, dann Bogners Züge sichtbar, die langsam nach oben schwebten, anzusehn wie ein grüner Wassergott ...

Renate fuhr zusammen und spürte, daß sie lag. Und jetzt, da das Glockengeläut schwieg, hörte sie die kleinen Takte und Pausen der schwarzen Amsel und wußte, daß die es gewesen war, die im Traum Agnus dei sang.

Eine Weile noch lag sie still; die Amsel sang nicht mehr; sie hörte das Hausmädchen, das die Treppe fegte und mit dem Schmutzblech klapperte, und auf einmal — fühlbar — merkte sie den Stillstand in sich und fragte: Wie kommst du hierher, Renate? — Sie lag und mußte still liegen, und es war Unveränderlichkeit, das wußte sie, solange sie diese Lage festhielt. Nichts konnte geschehen, zuvor war alles ein beständiges Fließen, Gleiten, Nachfolgen gewesen, nun aber war sie hier angelangt, aus gelinder Flut den Kopf an ein schlichtes Gestade hebend, rückschauend über Strom, Brücken fern, Stadt und Türme, — wie fremd sah alles aus! Wer denn hatte sie hierher getragen? Es schien ihr nun, als ob einmal viele Arme und Hände sie umschlungen hatten, worauf ihr Leben sich zerstreut, immer zur Hälfte, zu Dritteln, zu Fünfteln sich weggegeben hatte, und jedesmal entstellte und beraubte der fortgegebene auch den gebliebenen Teil. Wann hatte das angefangen? Als sie in dies Zimmer kam, in dies Haus. Ja, hatte sie vordem nicht allein auf sich gestellt hingelebt? Zugleich freilich ihrem Vater, aber wie war der ihr gewohnt gewesen! Der war nun schon so lange tot, daß sie, seiner gedenkend, nichts empfand als sein gütiges Gewesensein in ihrem Leben, nichts sah, als sein immer freundliches altes Gesicht. — Dann, ja, dann war dies hier gekommen, Erasmus, Josef, der Onkel, und bald alle die Andern, die Friedliebende Gesellschaft, Saint-Georges und — Bogner. Und lange schon waren Viele von ihnen wieder fort. Herbst, Winter, Frühling, — das waren Namen, — für was? Orgel- und Klavierspiel, Arbeit mit dem Freunde, ein Konzert, ein Besuch, ein Mensch, der von der Reise kam, Gespräche, viel Bücher, immer Beschäftigung, und alldas — wozu? Wellen durchs Herz, spurenlose. Sie mühte sich eine Zeitlang, deutliche Erinnerungen zu finden, aber im Augenblick hatte alles ins Unsichtbare sich hinweggezogen, es war leer, Windstille, Eisvogelbrüten. Siedendheiß ward ihr plötzlich. Liebte ich nicht jemand? fragte sie lautlos, aber beinah grimmig in die Stille hinein, richtete sich auf und heftete die Augen angstvoll ratlos in die regenumschleierten Wipfel draußen. Wie weiß das Zimmer ist! dachte sie plötzlich, und, mit Heftigkeit die Knie an sich ziehend, die Hände neben sich aufstützend, zur Tür blickend, sagte sie laut: Hier kommt niemand herein. —

Da mußte sie lächeln über diese Versicherung an sich selbst. Und was habe ich schon davon, murmelte sie und ließ den Kopf hängen. Eine Flechte fiel an ihrer Wange herab, sie ergriff das Ende davon und strich damit über die Decke wie mit einem Pinsel.

Ich bin wohl, sagte sie sich kühl, zu Manchem hingegangen; wer kam zu mir? Niemand. Wie? Kam nicht Josef, nicht Erasmus? Georg vielleicht, war der nicht auch auf dem Wege gewesen, und wie war das mit Sigurd? Aber du, du, du, eiferte sie böse, du kamst nicht, und was sollten mir also die Andern! — Sie schleuderte ihr Haar hinter sich zurück, packte es mit beiden Händen am Hinterkopf und warf sich so ins Kopfkissen. — Mein ganzes, unverbrauchtes Herz habe ich so in der Hand, knirschte sie wutentbrannt, wie dies Haar, meines Weges bin ich dahergeglitten, und nun kommen die tiefen Verneigungen. — Da mußte sie nun lächeln, ihres Traumes gedenkend, und jetzt gedachte sie einen schönen Namen zu flüstern, einen selbstgesprochenen Namen zärtlich zu hören, aber statt dessen schleuderte sie die Füße unter der Decke hervor und saß nun aufrecht auf dem Bettrand, vorgebeugt, die Hände aufgestemmt, und horchte. Alles blieb still, aber ihr Herz schlug laut und langsam. Plötzlich schlug es dreimal schnell hintereinander, setzte aus und ging wieder ruhig. War sie erschrocken? Sie lächelte über sich selbst. War jemand ins Haus gekommen? Die Klingel konnte sie hier nicht hören. Sie blickte auf die Uhr, es war acht. Gleich darauf klopfte es an der Tür, und das Mädchen meldete Frau Tregiorni.

Als Renate nach beschleunigtem Bad und Ankleiden herunterkam, wurde ihr gesagt, Ulrika sei in der Kapelle. Es regnete heftiger, sie mußte unterm Schirm hinübergehn. Ulrika, in einem nassen Lodenmantel und Kapuze, frisch und lebendig aussehend, stand vor einem von Bogners Engeln. Ja, nun mußte Renate erst ihr Kleid von allen Seiten in Augenschein nehmen lassen und erzählen, daß sie sich für den Winter als Haustracht drei solcher einfacher Röcke habe machen lassen, einen russischgrünen, einen violetten und einen eisengrauen; die Blusen hatten die Form eines russischen Kittels mit ledernem Gürtel, an dem der Hals frei blieb und der Verschluß von der rechten Seite des Ausschnittes schräg über die Brust hinunter zur linken Hüfte lief. Ja, und der graue Kittel war orangefarben gepaspelt, und man konnte jeden Kittel zu jedem Rock tragen, und so trug sie heute Grau und Grün zusammen. Alle Farben könnte sie tragen, jammerte Ulrika, sie mit ihrem roten Haar hätte bloß ihr ewiges Blau oder Grün, und an Festtagen Lila. „Braun hab ich dir doch offenbart“, lachte Renate und umarmte sie. — Warum sie aber wohl in aller Herrgottsfrühe herausgelaufen sei? — Dies wußte Ulrika keineswegs; es hätte so schön geregnet. Und sie hätte so seltsam geträumt, sagte sie nachdenklich.

Während Ulrika ihren Traum erzählte, frei in der leeren Kapelle stehend, den Blick im offenen Fenster, wogten so seltsame und wirre Empfindungen durch Renate, daß sie plötzlich erschrak, da sie allein, als habe sie Ulrika geträumt, vor ihrer Orgel saß. Nachträglich begann jetzt Ulrikas Erzählung sonderbar in ihr zu klingen, in einem langsam schreitenden Takt, der die Worte allmählich ordnete, und sie begann in das erste beste Notenbuch vorn auf die leere Seite den Traum aufzuschreiben, folgendermaßen:

Mir träumte: In der nächtigen Allee

Entgegen kam ich ihm; ich sah: er war es,

Jedoch ein Fremder schien er, und er ging