Plötzlich lag sie auf den Knien, das Haupt tief hintenüber zum Rücken gesenkt, die Arme schlaff. Trotz des Dunkels konnte er sehn, wie ihre Brust sich hochwölbte und spannte, bis ihr Mund mit einem haschenden Wehlaut aufbrach, und sie seufzte ein sterbend tiefes, erschütterndes: Ach!
Im nächsten Augenblick war sie aufgestanden und ging langsam, ohne nach ihm zu sehn, das Ufer hinauf, den Kopf gesenkt, schlaff hangender Arme, und weiter und zwischen dem schwarzen Strauchwerk fort, wo das Weiß ihrer Glieder noch lange schimmerte. Endlich klang leise die Tür zum Haus.
Georg wartete, still in sich hinein lächelnd. Sie schämt sich nun, dachte er, oh wie werde ich sie lieben können!
Als aber sein Blut anfing, heftiger zu sausen, das Zittern der Begehrlichkeitsangst über der Herzgrube wütender pochte, spiegelte er sich vor, sie erwarte ihn drinnen, im Schlafzimmer womöglich — und ging, jedoch langsam.
Das Arbeitszimmer war leer. Die Tür zum Schlafzimmer stand halb offen, und drinnen war Licht. Er trat leise näher und spähte hinein. Niemand war darin.
Georg fühlte sich einen Augenblick versucht, die Schränke zu prüfen, ob sie sich in einem versteckt halte, doch brachte ers nicht fertig, ging ratlos ins Zimmer zurück, und als er absichtslos über den Schreibtisch hinblickte, schien ihm dort irgend etwas verändert. Nähertretend sah er auf dem weißen Löschblatt der Schreibunterlage große Schriftzüge, mit dem Blaustift geschrieben, der noch darüber lag.
„Dank! Dank! Dank!“ las er; und darunter: „die arme Seele.“
Haß und Enttäuschung, die aufquellen wollten, kamen doch nicht hoch vor dem Schauder der Ratlosigkeit und des Staunens. Seine Stirn sank langsam vorüber, indem er in den Stuhl hinabglitt. Er hätte weinen mögen vor Bitterkeit. Dann verging auch diese in offenbares Nichtverstehn. Sie wieder im Wasser unter sich sehend, beneidete er den Schwan. Bald fühlte er sich müde, stand kopfschüttelnd auf, lächelte mit Anstrengung und begab sich ins Schlafzimmer.
Renate
Renate erwachte beim Frühgeläut aus der nahen katholischen Kirche, dehnte sich, machte die Augen versuchsweise ein paar Mal auf und wieder zu und stellte fest, daß sie friedlicher und behaglicher Laune war. Vielleicht, dachte sie, kommt ein Brief, oder Besuch, und sie streckte sich gerade aus, faltete die Hände unterm Nacken, sagte sich, wie wunderbar breit ihre Muschel von Bett sei, heftete die Augen auf die bei der Dämmerung kaum kenntlichen Züge der dunklen Madonna Feuerbachs drüben an der lichten Wand, schnurrte schließlich gähnend wie eine Spirale in sich zusammen und sprang aus dem Bett. Im Schlürfen ihre bastenen Badeschuh an die Füße bringend, ging sie ans Fenster, das weit offen stand, schlug den Vorhang zurück und fand den kaum ergrünten Garten angenehm verschleiert von einem lautlos fallenden Regen, worauf sie mit schönem Schaudern wieder unter die Decke kroch, um sich zu erinnern, was sie geträumt hatte. — Allein unvermutet entglitt sie sich selber, und langsam, nicht wissend, ob sie wache oder träume, sah sie es vor ihren Augen sich entfalten ...