„So möcht man auch einmal können sitzen — immer so — und nachdenken, immerfort nachdenken, wie das alles kommt ...“
„Ja, nun bin ich im Schloß!“ stellte sie erwachend fest. „Und du bist also der Prinz. Schad, wie a Prinzessin schau ich net aus da herum!“ sagte sie, den Fuß vorstreckend, um ihn auf ihr altes Kleid aufmerksam zu machen.
Georg lief zur Truhe neben dem Kamin. Darüber gebückt, in den seidenen Zeugen wühlend, erinnerte er sich mit Macht, aber er wollte sich nicht Esthers erinnern, wühlte stumpf weiter, den roten und blauen Bademantel hervor, den Sigurd, den Kimono, den Ulrika getragen. Es mußte etwas Dunkles sein für Cordelia, — nein, es war nichts, das gepaßt hätte, außer Esthers Gewand. Schweißtropfen standen auf seiner Stirn, als er es Cordelia brachte und sie, ganz wie Esther dazumal, ins schnell erleuchtete Schlafzimmer damit drängte. Dann kühlte er sich mit Limonade und versuchte, zu glauben, daß Esther das Kleid gerne hergab.
Ihre Stimme hinter sich hörend, drehte er sich um. Oh sie sah nun köstlich aus in dem düstern Kleid mit feurigen Blumen, das sie, nacktfüßig, mit beiden Armen an den Leib drückte, schmitzäugig flüsternd; sie habe nichts drunter an; so weich sei’s, so ...
Er glaubte, alles zu begreifen, sprang auf sie zu, ergriff ihre Hand, lief mit ihr zur Gartentür, öffnete und zog sie ins Freie, den Weg hinunter durchs Gebüsch bis an den Wassergraben. — Das sei der Teich, den er hätte. Aber ob es ihr denn wirklich nicht zu kühl sei ...
Sie stand, den Kopf im Nacken, lange nach oben blickend. Endlich flüsterte sie melodisch und auch theatralisch:
„Nicht Mond noch Sterne in der Nacht. Dann will ich leuchten!“ und ließ das Kleid an den Boden fallen.
Georg zitterte in den Knien. Er wagte fast nicht, sie anzusehn, sah die dunkle Wasserfläche, das schwarze Strauchwerk drüben, auch — einen grauen Fleck im Schwarzen der Flut — den jungen Schwan, der sich bewegte, und endlich sie selber, die wieder erhobenen Hauptes aufwuchs aus der Erde, völlig wie Marmor so bleich weiß, so weich und schmal, aber mit vollen, schönen, breit aufgesetzten Brüsten. Sein Blut lief über, er lag an der Erde und küßte ihre Knie, ihre Füße, sprang wieder auf, wollte sie an sich ziehn, erschrak, ihre Brust berührend, weil sie kühl war, nein kalt, wie Marmor, jedoch weich, — allein sie wies ihn leicht ausweichend von sich und ging schnellfüßig die schräge Uferböschung hinab bis ans Wasser. Er sah, daß sie strahlte mit ganzem Leib. Nun rauschte die Flut, in die sie watete. Stehen bleibend, drehte sie sich nach ihm um; er hörte durch das Brausen in seinen Schläfen ihre Frage, ob der Schwan gefährlich sei, und sah, leise verneinend, sie tiefer in die schwarze Flut gehn. Der Schwan kam jetzt mit leichten Stößen heran, — er war jung und zutraulich —, bewegte voll Anmut den Hals auf und nieder, drehte den Kopf, beschrieb einen Kreisbogen, sie streckte die Hände nach ihm aus und lockte, da kam er näher, ganz nahe zu ihr, richtete sich auf, spreizte sich und schlug mit den Flügeln. Stillehaltend danach, ließ er sie sich zu ihm bücken und ihn liebkosen, schmiegte den Hals an ihr empor und legte den Schnabel auf ihre Brust.
Fast kühl ward es Georg im Hinsehn. Die Nacht war unbewegt, windlos, geräuschlos, wie ohne Jahreszeit, nur Nacht, und, ins Vorjahrgras der Uferböschung niedergleitend, fühlte er das Rieseln über Rücken und Armen vom unbegreiflichen Schauder einer Furcht, bis er jetzt ganz überronnen, schamhaft wie ein Knabe das Gesicht in den Händen verbarg, dann völlig verwirrt, glücklich, schwellend von tausend Gefühlen, sich auf dem Rücken ausstreckte.
Leise rauschte es wieder in der Flut. Er sah sie heraufkommen, nicht dort, wo er lag, ein wenig links von ihm, und hingleiten. Lange Sekunden mußte er ohne Bewegung bleiben, nach oben blickend, trunkenen Auges. Als er sich dann zu ihr wandte, lag sie abgekehrt, ganz still, und wie er nun die Hand ausstreckte nach ihrer Schulter und sich hinüberbog, erkannte er, daß sie den Kopf auf den Arm gelegt hatte und weinte. — Erschrocken zog er die Hand zurück, streckte sie wieder aus, wollte etwas sagen, blieb stumm, ratlose Bestürzung im Herzen und Mitleid, so wenig er begriff.