Mit mir, mit euch, mit Gott; nicht klug, nicht reich,

Jedoch gehalten, aufrecht, und von innen. —

Sag, warum weint ich so, als ich erwachte?

Sag, warum weint ich so, als ich erwachte, wiederholte Renate noch willenlos, auf die geschriebenen Bleistiftzeilen starrend. Dann errötete sie langsam, während sie sich fragte: Habe denn nun ich das geträumt, oder wer? — Sie sah Gegend und Menschen dieses Traumes dergestalt leibhaft, daß ihre Vernunft ihr in Verwirrung zu geraten drohte. Auch die Amsel sang in diesem Traum, bloß hatte Ulrika gesagt: Drossel. Nein, ‚entgegen kam ich ihm‘, das hatte sie nicht gesagt, sondern: ‚Bogner‘.

Renates Augen, die gedankenleer langsam nach oben gingen, trafen sie selbst in dem kleinen Spiegel über ihr. — Ja, so schreckhaft bin ich geworden, sagte sie vor sich hin, daß ich den Spiegel da habe machen lassen. Manchmal kam Onkel ja herein, während ich spielte. Wie oft saß ich schon hier, sagte sie, sich immer ansehend, entfremdet hinter dem Spiegelglas, seltsam zusehend, wie in den Zügen Bewegungen entstanden, eine Wendung des Halses, ein Senken der Lider, die doch sie selbst machte, die aber da drinnen von selber vor sich zu gehn schienen, — wie oft saß ich hier, spielte nicht, hatte die Hände im Schoß und hatte in ihnen so wenig wie im Herzen. — So saß sie nun wieder, müde an sich selber, ratlos, tatlos, sah durch das in ihrer Nähe offene Fenster das matte Regengrün des Gartens, hörte die Spatzen und die ersten Töne der Grasmücken. Verging nun Zeit? Ja, es regnete nicht mehr; ganz fern, kaum hörbar sang die Amsel. Verging Zeit? Sie schloß die Augen, sie hörte wieder das spitze Picken von Regentropfen auf Blättern, und nun strömte es schwer herunter, es wurde dunkler, es rauschte ganz um sie her, schließlich spritzte es naß zu ihr herein, und sie stand widerwillig auf, ging die Stufen hinunter und schloß das Fenster, hinter dem die Sträucher sich unwillig im Regenstrom hin und her warfen. Ihr fiel ein, daß es Zeit sein müsse, zu Saint-Georges zu fahren, aber sie brachte es nicht fertig, die Uhr hervorzuziehn, sie stand vor dem großen Engel, der mit der kleinen Harfe in ausgestreckten Händen durch die Landschaft über die Wand hineilte, dachte: So läuft er an mir auch vorüber! und ärgerte sich ungemein, daß sie immer und immer an ihn dachte. Da schüttelte sie sich, ging zur Tür, sah nichts mehr, fühlte nur das große Rauschen der Wasser, das alles in sich hinabschlang, fühlte sich ergebungsvoll und nachlässig gefangen gehalten. Durch diesen Regen komme ich ja nicht, sagte sie. Wozu hinaus? Ich schlafe langsam vor meiner Orgel ein, die Eulen setzen sich lautlos auf die Pfeifen, damit kein Staub hineinfällt, und ich werde hundert Jahre so sitzen. Nicht Jahre, nein, Jahr—en! sagt man hierzuland. Die Orgel schläft über mir, der Regen braust, wir wachen niemals auf.

Auf einmal war sie dabei, nachzurechnen. Jeden Vormittag vier Stunden Arbeit mit Georges; jeden Tag wenigstens zwei bis drei Stunden Klavier und Orgel; jeden Tag mindestens ein Besuch bei Kranken oder Bedürftigen; dazu Küche, Haushalt und all die Rechnungen, nur Abends Erholung, ein Buch, ein Konzert, ein stilles Gespräch mit Georges. Es ist so viel, daß ich mitunter nicht zum Nachdenken komme. Warum genügts mir denn nicht? Ist mein Herz nicht dabei?

Sie verlor sich, lange gedankenlos, mußte sich mühsam besinnen, schreckte zusammen und flüsterte: Nein, so ists aber nicht! Mein Herz ist immer dabei, und ein jedes ist mir Freude, solange ich dabei bin ... Aber eben: solang ich dabei bin nur, und wenn ich jetzt daran denke, so meine ich — so mein’ ich ...

Wieder sich verlierend, ertappte sie sich, daß sie schief auf dem Stuhl saß, den rechten Ellbogen auf dem Knie, die Hände gefaltet, vornüberhängend, aber sie war minutenlang unfähig, die Haltung aufzulösen, saß nur gelähmt und vermochte sich nicht zu helfen, bis ein Gezwitscher draußen vorm Fenster sie aufzuschauen bewog und sich grade zu setzen.

‚Die rechte Freude am Leben‘, träumte sie dann, ‚kann nur von einer tiefen liebenden Erregtheit kommen, gleichviel auf was sie sich richtet, Gott oder Mensch oder Sache; denn dann findet sie ihre Erfüllung in jedwedem Tun, jedem Geschäft und Gedanken, und alles wird liebevoll. Dann formt sich das ganze Wesen in Tätigkeit aus, nichts wird gespart, nichts unterdrückt, und die Belohnung ist guter heilsamer traumloser Schlaf.‘

Das war Papas Rede, dachte sie, Wort so für Wort. Ja, so war er selber erfüllt von Gott, und ich wars von ihm, aber heut bin ich leer.