Plötzlich schrak sie zusammen. Ihr Herz schlug laut, sie atmete schwer. Was ist das, mein Gott, dachte sie angstvoll, ich war doch so leicht und bewußt beim Erwachen? Was geht denn vor? Was geschieht jetzt? — Und einen Augenblick lang war sie völlig wie verzaubert, gelähmt, nicht imstande, ein Glied zu bewegen. Aber dann wußte sie: Mein mattes Herz, meine schwache Seele, mein müder Geist, die lähmen mich so. Nutzlosigkeit, sagte sie langsam vor sich hin. Und danach, mit Anstrengung, sich selber verlockend:

Es ist nicht die Stille. Es ist nicht das Unglück dieses Hauses, nicht das finstre Wesen des Erasmus, nicht die Angst vor dem Onkel, nicht mein Schuldgefühl, was mich so lähmt, mich so ungefüge, so nutzlos, so kleinmütig, so beklommen, so elend macht. Vielleicht, ja, es wird auch all dieses mit sein, aber seit wann bin ich denn so, daß Fremdes mich hindert, anstatt mich gut und hülfreich zu machen?

Tief in ihr schrie eine gellende Stimme: Was ich bin und habe, Leib und Seele, Leib und Seele, alles, alles, Herz und Schoß, Brust und Knie, Haar und Augen und Lippen will ich — will ich — —

Auf einmal lief sie gepeitscht durch den Raum, aufs Podium, drückte sich mit dem Rücken, die Hände ringend, in die Nische der Tabulatur zu den Registern hinein, warf den Kopf in den Nacken, als biete sie den Hals einer Kralle, einem Gebiß, das hineinschlagen solle, wehrte sich, kämpfte, überwand sich, senkte das Haupt wieder, blickte starr, schloß die Hände, rang die Hände. Sie demütigte, zerknirschte, öffnete sich, wollte, versuchte zu sprechen, flüsterte, gestand und sprach: Ich will bekennen.

Wieder warf sie sich herum. Ich will, ich kann nicht, hilf mir, mein Gott! Und sie umklammerte mit den Augen ein Bündel Pfeifen und sagte laut und deutlich empor:

Auf dich warte ich jeden Tag. Um deinetwillen leide ich, durch dich bin ich so müde, so lahm, so nichtswürdig, so arm. Ich liebe dich, du! Ich liebe dich, ich liebe dich! Von mir und dir rührt all dies Elend her, an deinem Leben hänge ich, an deinen Lippen schlafe ich, von deinen Augen träume ich, du machst mich so schwer. Für dich singt die Drossel, zwitschern die Vögel, grünen die Bäume und blühen die Sträucher, aber ich habe meine Augen abgewandt, und all das ist mir nichts. Vergieb mir, du, meinen Stolz, höre mich an, erhöre mich, sei gut zu mir, tröste mich, richte mich auf, mache mich wieder gut, komm zu mir, komm zu mir! Ich vergesse die Welt, wenn du da bist, ich vergesse mich, wenn du da bist, ich bin leicht, ich bin gut, ich bin schön, wenn du da bist. O vergieb mir, du bist ja langmütig! vergieb, du bist freundlich, vergieb, ich war so klein! Sage mir, daß du bist, so will ich alles Elend der Erde tragen. Sage mir, daß du an mich denkst, so will ich tapfer sein und nicht sorgen. Sage mir, daß du morgen kommen willst, so will ich mich ver—wan—deln ...

Sie brach ab, denn sie hatte unweigerlich einen Schritt auf den Steinfliesen der Veranda gehört, und doch war das unmöglich, denn die war viel zu fern. Sie schwankte todbleich. Was habe ich getan? Hat er mich gehört? Rief ich ihn her? Und indem wurde sie ganz kühl. Jetzt kommt Ulrikas Freund, dachte sie friedlich, und siehe da, in der Tür stand Bogner, schwenkte einen triefenden Hut, lachte und rief, ob Ulrika nicht da wäre. Renate lachte gleichfalls und erwiderte, sie sei eben gegangen. Der Maler kam einen Schritt vor, drehte und besah seinen Hut, schien unschlüssig und murmelte endlich verlegen, ja, dann könnte er wohl wieder gehn. Scheinbar war er in Ulrikas Wohnung gewesen, aber er vergaß natürlich, das zu sagen. Einen Augenblick später war er verschwunden. Renate aber hörte, eigentümlich melodiös und schmeichelnd die Worte auf sie zuschweben: Ja, wenn du lebtest, wäre vieles nicht. Der Tag nicht blaß, es glänzte dein Gesicht. Die Nacht nicht schwarz, du leuchtetest mir gern, ach, du bist fern, bist fern, bist fern, — ich weine nicht. —

Freilich nein, gütiger Himmel, sie weinte nicht. Ja wenn — du — leb—test! sagte sie mit listiger Betonung vor sich hin. Bogner? Das war ja ein gänzlich fremder Mensch gewesen! Sie mußte sich umdrehn und an den Orgelpfeifen emporsehn, ob da vielleicht noch von ihrem Bekenntnis etwas hafte und ihr beweise, daß es ihm, Bogner gegolten habe. Nein, da war nichts. Dieser Bogner aber war nur ein Bild, eine Heiligenfigur gewesen, und sie hatte an ganz jemand Andern gedacht. An wen? An irgendwen! Und was war nun? Erlösung? Freiheit, Guterdingesein, Hoffnung, Sicherheit, Zukunft, Irmelin Rose, nämlich: alles was schön ist? — Nichts davon, nein, sondern eine furchtbare Traurigkeit senkte sich in schwarzen Schauern über sie, Schritte waren im weichen Sand des Gartens hörbar, langsam, unbekannte, — nein, war das — —?

Und langsam, wie ein Geist in ihren Augen anzusehn, dem sie entsetzt entgegenstarrte, stieg die schwere Gestalt des Erasmus die Stufen in der Tür herauf, den Kopf gesenkt, und nun sah er sie erst, zuckte ein wenig die Stirn empor, stand still, murmelte: „Verzeih, ich dachte —“ Dann ganz heiser: „— bei dem Regen ...“

Dann warf er die Schultern auf und nieder, als wende er sich im Rock angewidert hin und her, wütend, daß er gekommen war. Renate glaubte, sie würde im Augenblick zu ihm hinfliegen, ihm zu Füßen, ihn anzuflehn, er solle gut sein, anders sein, — ja, was denn? — — Aber sie stand, ganzen Leibes in die Tabulatur hineingedrückt, die Augen im Schrecken weit offen, und danach, als er wieder verschwunden war, sank ihr der Kopf langsam wie abgeschlagen vornüber auf die Brust.