Viel später fand sie sich, durchnäßt vom Regen, mitten im Garten, wie sie zu den Fenstern aufsah. Ohne Willen machte sie sich dann zurecht und fuhr zu Saint-Georges wie alltäglich.

Drittes Kapitel: April

Tandem

Georg stand vor dem großen Spiegel im Schlafzimmer und betrachtete sein Abbild auf einem schönen Hintergrunde offener Fenster voll Gartengrün, Sonnenlichter, Goldregen und windiger Bewegung. Ein Ladenknabe, so dachte er, könnte sich leicht eleganter anziehn als ich. Zum Beispiel würde er doppelt so weite Hosen tragen, um zart anzudeuten, daß er die Mode kenne; aber ihm würde nicht einfallen, dunkelblauen Marengo zum Cutaway zu nehmen wie ich — hier lachte er und freute sich —, denn das ist eine Kunst. — Er atmete auf. Ich glaube, heut bin ich glücklich. Plötzlich, nahe an sein Spiegelbild herantretend, faßte er mit Gewalt sein Antlitz ins Auge, und so, Auge in Auge mit sich selber, mit festgebissenen Zähnen, murmelte er sich zu: Sage! Sag, bist du ein Prinz, oder nicht? Schurke! sagte er besinnungslos, gesteh! — Irgendetwas im Gegenüber schien zu bejahen. Das Blut stieg ihm in die Schläfen, er schüttelte den Kopf, lächelte und wandte sich ab. Am Fenster stehend, empfand er die überschwängliche Güte des Tages. Der Garten vor ihm lag im Schatten, still die Wege, ins Buschwerk entschwindend; über den schillernd grünen Wipfeln flammte der feuerblaue Himmel und im tiefen Blau große, gewaltige, schneeweiße Wolkenballen mit majestätischen Schatten. O göttlicher Tag, dachte er. Und außerdem Korso! und ein fabelhaftes Tandemgespann! Und Renate! Und mein Plan. Mein Plan. Langsam, langsam — aber näher werde ich ihr kommen. Und in den Sommerferien dann Helenenruh. Da werde ich sie ganz ...

Augenblicks meldete hinter ihm der blasse Egon: Fräulein von Montfort. — Georgs Herz erschrak wunderbar angstvoll. Mit der Pünktlichkeit der Könige ... murmelte er und eilte hinaus.

Drüben, mit ausgestreckter Hand auf Renate zueilend, umfaßte er ihre Gestalt mit Blicken und sah alles: das graue Schneiderkleid, den flachen, grauen Hut und die schwarze, hangende Feder. Er strahlte.

„Ach, Sie sehen ja wie eine Prinzessin aus!“ sagte er glücklich. „Ja, jetzt wollen wir Tee trinken. Oder lieber Kaffee?“

Da Renate um Kaffee bat, schrie er zur Tür hinaus: Kaffee! —

„Ach, Sie haben ein Bild von Esther,“ sagte sie, am Schreibtisch stehend, „darf ich es sehen?“ Sie nahm es in die Hand, ihr Gesicht ward wehmütig, sie stellte es wieder fort. „Heut vor einem Jahr war es anders“, sagte sie leise.

Es ist eine ganze Rinde um sie, dachte Georg und erinnerte sich, wie sie im Vorjahr um diese Zeit hinter Irene durch die Büsche gejagt war, oder auf dem Rasen gelegen hatte.