Ach Gott, das hätte ich nun wieder nicht tun sollen, dachte er dann, denn nun geriet Hesekiel, sein verkümmertes, spitzes und heißes Gesicht mit der wehmütigen Mundschnirre herwendend, in abscheuliche Verwirrung. „Ach, der Herr Doktor!“ — es war unbekannt, ob Hesekiel sich diesen Titel ersonnen hatte oder vielleicht überhaupt nur Doktoren kannte — lächelte er freudig — allein was nun? Die Spritze hinlegen, deren Strahl sich triumphierend über ihm in die Lüfte bohrte, und zur Begrüßung hergerannt kommen, wie’s ihm gelehrt worden war? Oder den Strahl erst abdrehn? oder zur Meldung ins Haus davonlaufen? — Das war zuviel für ihn, und so tat er von jedem den Anfang in wirrem Durcheinander; tastete nach der Schraube, lief ein paar Schritte gegen Georg vor, streckte die Hand mit der Messingtrompete gegen die Erde aus, wollte davonlaufen, ehe sie lag, und blieb endlich zwischen allem, geduckt, erschöpft und ratlos sich selber verlächelnd stehn.
„Na komm, Hesekiel,“ sagte Georg, dem der Strahl jetzt knatternd entgegensprang, „leg mal die Spritze hin.“ Hesekiel tats gehorsam und erleichtert. „So ists schön! Und nun kommst du und giebst mir die Hand.“ Hesekiel kam glücklich und verklärt. „Ist die gnädige Frau denn zu Hause?“ Hesekiel nickte und deutete mit dem Daumen. „Ja, sag mal, wie kommst du denn auf die Idee, die Blumen da oben zu sprengen?“
„I wollt halt so gern der gnä Frau — gnä Frau bissl Arbeit erleichtern.“
„Das ist brav, Hesekiel, denn man weiter!“ Georg verließ den eifrigen Bediener der Natur und ging leise, nach den Fenstern spähend, zur Rückseite des Hauses, dessen grauer Stein und rotes Dach heiß glühte im starken Abendlicht, dieweil er dachte: Ach, Hesekiel! du hast eine schöne, dienende Seele im Höcker, — kannst du mir vielleicht sagen, warum die Frau so gemein war? Ach ja — ach! — du kennst nur Doktoren und weder Prinzen noch Nichtprinzen ...
Georg blickte zu dem breiten Schiebefenster empor, hinter dem drinnen sein Bett stand, und siehe da, zwischen den weißen Geranien, die im grünen Gitterwerk drunter hingen, erschien die lange Tülle einer kleinen grünen Gießkanne mit gelben Reifen, und gleich darauf Cordelias Hand, Stirn und die beschäftigten Augen, die nach den Blumen spähten, und —
„Na?“ sagte Georg
Sie warf vor Schreck die Gießkanne herunter. Dann war sie verschwunden. Georg hörte ihre Absätze drinnen auf der Treppe und wartete glückselig, bis sie ums Haus gelaufen kam, aber zehn Schritte vor ihm anhielt, die Hand gegen die Hausecke stützte und ihn tief und inbrünstig anblickte.
Wie schön sie ist! dachte er stumm in diesem Blick. Das Kleid, das sie trug, von dunkelvioletter Seide, war auf unkenntliche Weise ihrem Körper umgewunden; es war eine Art Empire, jedoch fast geschlossen um die Füße, und eine ganz kurze Schleppe lag am Boden. Der schöne Busen atmete sichtbar mit beiden Wölbungen und hob auf der bloßen Brust das goldne Medaillon, in dem sein Bild und Haar war.
Im nächsten Augenblick hielt er sie umschlungen, ihr Gesicht an sich pressend, den Mund in ihrem Haar, flüsternd in flutender Erlöstheit: „Da bin ich wieder! Ach, ich konnte nicht mehr!“
„Ja, bist denn meinetwillen gekommen, Georg, wirklich meinetwillen?“