„Das ist ja großartig, Georg!“ Beschämt ließ er sie ihm um den Hals fallen. „Wirklich, Georg, das gefällt mir! Das ist wieder gesund und beflügelt, nicht so wie die letzten, die warn auch schön, aber so wie kranke Blumen, weißt. Ja, nun mußt du schlafen, pascholl! — Aber was ist denn das hier?“ — Sie sah das Glas.

„Ach, dein Glas, Cordelia, da hab ichs hingestellt! Hier, das hab ich dir mitgebracht.“

Still, während er sich entzog und zwischen Stuhl und Tisch hindurch sich ins Sofa zwängte, nahm sie das Glas an, trat zum Fenster und hielt es empor, so daß es augenblicks aufloderte wie ein Juwel, blutrot.

„Ach, Georg ist das schön!“

„Dein Herz, Cordelia,“ sagte er, plötzlich taumelnd von Schlafverlangen, „dein Herz — mußt ich denken ...“

Er hörte nicht mehr, was sie sagte. Noch vernahm er Schritte, leise, dann das Niederrollen der Rulos, Schritte, das leise Zudrücken einer Tür. Die Augen noch einmal öffnend, sah er, daß es dunkler im Zimmer war, goldbraune Luft, und daß vor ihm das rote Glas stand. Eine zärtliche Wallung verging, kaum sich regend, im schweren Rieseln der Umnachtung.

Sechstes Kapitel: Juli

Requiem

Renate, an einem offenen Flurfenster im ersten Stockwerk des Nordflügels von Helenenruh stehend, als es eben Nacht geworden war, hörte Magdas singende Stimme, die im Klaviersaal die Gruppe aus dem Tartarus begann. Ein Fenster war dort offen und matt erleuchtet. Renates Augen ruhten halbgeschlossen im ungewissen Dunkel, das leise vom fallenden Regen rauschte und sich zu bewegen schien. Ein Tropfen spritzte hier und da herein, ihre Hand treffend, ihre Stirn; es war kühl. Am Himmel oben über den beweglichen, finsteren Massen der Baumwipfel war ein wenig Licht hinter gelblichem, dahinflüchtendem Gewölk. Bleich gegenüber schimmerte die Wand des Südflügels. Ohne hinzusehn konnte sie in dem erhellten Saalfenster zur Linken den Lichtschein der unsichtbaren Lampe gewahren, die in der Mitte auf einem Tisch stehen mußte, und, schräg durch den Raum hin, die hohe weiße Mitteltür samt ihrem flachen Giebeldreieck und dem fast schwarzen Porträt im Goldrahmen darüber, dicht unter der Zimmerdecke. Zu sehn war niemand.

Die Musik des Harmoniums kam sanft und wehend, — schön, klar und kräftig kamen die dunklen Töne der singenden Stimme durch den Regenfall. Ein heftiges Aufschaudern der windgetroffenen Baumkronen überrauschte jetzt alles, es ward still, leiser der Gesang, in einer Dachrenne plätscherte hörbar die Regenflut, es klapperte, — oder wars auf der Terrasse? — Da stürzte mit mächtigem Aufbruch, ja wie ein großes, schwarzes Panthertier stürzte die große, tiefe Stimme mit „Ewigkeit! Ewigkeit! Bricht die Sense des Saturns entzwei!“ in das Finstre, warf sich durch den Nachtstrom empor, triumphierte, senkte sich, stieß ein zweites Mal siegreich vor und schwand im Allgemeinen der Musik, untertauchend wie ein Schwan, und in den verworrenen Stimmen der Regennacht.