Renate bebte leise, frierend von Nachtkühle und dem Gesang. Lauter toste der Regen. Oh dies gewaltig gebliebene Herz in der singenden Brust! Aber oh, wie waren die Toten einsam und ganz im Freien, ausgesetzt aller windigen Geschäftigkeit der Nacht und der wimmelnden Erde! — Da sah sie den Katafalk der Herzogin mitten in der Nacht stehn, schwarz, die großen Kandelaber, flatternd im Winde Flöre und Kerzen, das große, starkriechende Gepränge der Blumen, Schleifen, Palmwedel, umher die Schauer gedrängter Menschen, und inmitten das seltsam kleine, kaum wahrnehmbare tote Antlitz der aufgebahrten Gestalt, in weißen Kissen, gerader und viel steifer, als sonst ein Mensch liegt. Daneben war der Rücken des Herzogs, gebeugt, sein Hinterkopf, der kein Auge von der Schläferin wandte.

Aber dies verschwand, und im lichten Morgenkleide kam die Herzogin zu einer Tür herein, zu ihr, die an einem Fenster stand, einen Morgengruß hinnickend, und setzte sich an den Frühstückstisch. Sie sagte mit leichter Stimme etwas, aber Renate konnte es nun nicht mehr hören, besann sich vergeblich auf Worte, fühlte, daß sie traurig war und das schreckliche Entgleiten eines Toten, der uns nicht sehr nahe stand, ins Ungewisse. Da war das Gesicht des Herzogs, wie es langsam aus dem Wagenschlag kam, die heißen Augen, die herumfuhren, zu ihr empor, und sie wollte die Stufen hinunter; sein ganzes Gesicht war gesträubt von Bart, dann kamen unten die Stöcke zum Vorschein, er zwängte sich heraus, stand, und an Renate vorüber eilte Magdas schwarzgekleidete Gestalt zu ihm, und dann schien etwas ihn zu durchbrausen, und er hing über ...

Wollte Magda nicht wieder anfangen? Das Harmonium war sehr gedämpft hörbar, lange Zeit. Renate setzte sich auf die Fensterbank, den Rücken gegen den Rahmen gelehnt, vom Schlosse weg ins Dunkel der Parkwiese blickend. Gleich darauf ward es am Ende des Flurs hell; die Wendeltreppe, aus der Tiefe beleuchtet, ward weißgetüncht sichtbar, und von unten heraufsteigend erschien ein Diener in Frack und Kniehosen; er griff nach der Wand, die Lampe unter der Decke glühte hell auf, kam auf sie zu und bat sie, in den Saal zu kommen. Sie fragte, ob auch die Fürstin Schwester dort sei, und er bejahte.

Wenig später stand Renate vor der Saaltür und hörte von drinnen das Harmonium im sachten Vorspiel zu ‚Du bist die Ruh‘. Sie zauderte, wartete dann einen Augenblick ab, wo der Gesang schwoll, öffnete behutsam und trat ein. An der Tür blieb sie stehn.

Auf dem ovalen Tisch in der Saalmitte stand eine Petroleumlampe von glänzendem Messing mit geradem, grünem Schirm. Aha, die selbe Lampe, welche die alte Fürstin stets auf Reisen mit sich zu führen pflegte, ergrimmt auf das elektrische Licht. Da saß sie, rechts am Tisch, und strickte, sah nicht auf, denn sie zählte gerade, die Maschen mit dem linken Daumennagel zusammenschiebend; das in Falten hängende Kinn — Festons hatte Georg gesagt, und einen Augenblick kam Renate sein Gesicht dazwischen, verdunkelt von der schwarzen Kleidung und verlegen, weil er gescherzt hatte mitten in seiner Trauer — gegen die Brust gedrückt, sah sie von oben schräg auf ihre Hände; eine kleine eiserne Brille hing ganz vorn auf der Nasenspitze wie ein windiges Geländer. Diese sparsame Alte trug eine gestrickte schwarze Mantille um die Schultern, aber die Hände, die aus schwarzen Pulswärmern kamen, waren über und über beladen mit funkelnden Ringen. Jetzt sah sie gegen Renate auf, dunkeläugig, rückte an ihrer Brille, musterte sie scharf, fuhr mit flacher Nadel über die aufgesträubten Blätter eines vor ihr liegenden Buches — sie dehnten sich gleich wieder empor —, blickte hinein, blickte wieder auf und verneigte sich mit dem Oberkörper, freundlich lächelnd und nickend, während Renate zu Boden sank. Dann hielt sie ihr Strickzeug weit von sich ab, fuhr mit gewaltigem Stoß der linken Nadel hinein und rasselte darauflos, nicht ohne schräg von oben gegen die emporstehende Buchseite zu blicken. — Renate lächelte in sich hinein, denn da die Fürstin außer ihren beiden Beschäftigungen auch wohl noch auf den Gesang hörte, so schien ihr dies eine gewinnsüchtige, aber geschickte Alte.

Links am Tisch sah Renate nun den breiten roten Rücken eines Sessels mit vergoldeter Umrahmung auf ganz kurzen Beinen. Darüber war der Hinterkopf des Herzogs, wie ein Strudel: eine tonsurhafte kahle Stelle mitten im Wirbel des großen, runden Haarschädels im Schatten der Lampe. Renates Eintreten hatte er scheinbar nicht gehört.

Und da rechts in der Ecke, halb im weißen Vorhang des offenen Fensters, war noch etwas Lebendiges, nämlich ein kleiner Greis mit glattem, rosigem Gesicht, aus dem zwei freundliche kleine Augen Renate unbeirrt anstarrten, während ihm ein rosenroter Papagei über die Hände im Schoß an der Weste hinaufkletterte, sehr mühselig, mit Schnabel und Krallen sich abwechselnd einhakend und festkrallend.

Daneben war die dunkle Türöffnung zu den Zimmern der Toten. Stand sie vielleicht darin, auch zuhörend, die Augen im sanften Licht, erleichtert? — Aber Magda blickte vom Harmonium herüber, nickte und lächelte während des Zwischenspiels. Renate lehnte sich gegen die Tür, folgte den langsamen und kunstlosen Griffen und Veränderungen der schmalen Hände auf der Klaviatur, selber fern in unbewußten Gedanken, kaum hörend, daß jemand sang. Dann war es still im Raum.

Der kleine Greis, augenscheinlich der Mann der Fürstin, klopfte seinem Papagei auf den Kopf und erhob sich. Die Fürstin sah auf, räusperte sich stark zum Herzog hinüber, zog, da er sich nicht bewegte, eine Nadel aus dem Strumpf, zeigte damit auf Renate und sagte: „Nun sie!“

Magda erhob sich. Jetzt bewegte sich der Kopf des Herzogs, einen Augenblick wurden seine Stirn und Augen über der Sesselwand sichtbar, dann stand er schwer auf und sagte heiser: „Guten Abend.“ Und zu den Andern: „Bitte, dies ist Fräulein von Montfort.“