Der kleine Fürst kam zierlich und ein wenig schlotternd im Gehrock herbei, den Papagei an die Brust gedrückt, und verneigte sich sehr tief.
„Setz dich nur!“ schrie die Fürstin. Er machte mit der rechten Hand eine Muschel am Ohr und hielt es ihr hin, aber sie sah es nicht, und während er sich, Renate zulächelnd und kopfschüttelnd, zurückzog, sagte sie zum Herzog, kaltblütig auf französisch, dies wäre ein sublimer Mensch, worauf sie in derselben Sprache zu Renate fortfuhr, sie habe das auf französisch gesagt, um die Schmeichelei nicht so geradezu herauszuschmettern. Freundlich und auf deutsch bat sie dann etwas zu spielen. „Aber nichts Modernes!“ sagte sie.
Renate setzte sich, aber nun fiel ihr nicht das geringste ein. Endlich fand sie die kleine Ballettmusik zu den Gluckschen Gefilden der Seligen und fing damit an, gleich darauf sich erschreckt fragend, ob wohl außer Magda jemand den unpassenden Titel der Musik kannte; die war freilich sanft und lieblich genug. Als sie geendet hatte, sagte die Fürstin, das wäre Kleinkindermusik. So begann sie denn das Orgelkonzert von Friedemann Bach, indem sie dachte: ich will dirs heimzahlen. Bald aber erschrak sie heftiger, denn sie fühlte plötzlich eine Hand auf ihrer Schulter. Die Fürstin neben sich gewahrend, wollte sie schon die Hände von den Tasten nehmen, weil aber weiter nichts erfolgte, spielte sie fort, die Fürstin blieb so neben ihr, und nun jagte sie die achttaktige Fuge in ihr großes Rasen hinein, daß es in den Fugen des Instrumentes krachte. Am Ende des ersten Satzes sagte die Fürstin nur: „Weiter! Zweiten Satz!“ Sie schien mächtig aufgeregt, und so ging auch dies endlos scheinende Gigantengehämmer des nächsten Satzes ohrbetäubend vorüber, ohne daß die alte Dame ihre Stellung verändert hätte. Am Ende atmete sie gewaltig auf, packte Renates Gesicht, küßte sie unter plötzlich strömenden Tränen und rief: „Heldenhaft! Heldenhaft!“ Dann erklärte sie, daß sie gern so neben einem Spielenden stünde; das ginge ihr dann gewaltig durch Mark und Bein. — Als Renate sich im Sessel umdrehte, blickte sie gerade gegen die geröteten Augen des Herzogs, die sie starr anschauten. Seine Schwester trocknete sich die Augen und das Kinn, über das ihr vor Eifer ein wenig Mundfeuchte heruntergelaufen war. Dann riß sie ihren großen Pompadur auf, fuhr tief hinein und brachte einen Kake zum Vorschein; den schenkte sie Renate; er war nicht mehr ganz heil. Es war eine kriegrische alte Frau.
Am Tische sitzend nahm sie ihren Strumpf wieder auf, setzte die Brille auf, kratzte sich dann nachdenklich mit einer Nadel den Kopf und sagte:
„Weißt du, Woldemar, an wen dies Spiel mich erinnert? An meinen Kardinal. Kardinal Massi. Er war nur ein dürrer Mensch,“ erklärte sie Renate, „aber er hatte allmächtige Pranken und eine höllische Seele. Er war ein gottloser alter Heide, aber vor jeder Musik, die er machte, sagte er die Worte: ‚Im Namen des allbarmherzigen Gottes ...‘“
Der Herzog lächelte und meinte, so fingen die Koransuren an.
„Die was?“ fragte seine Schwester.
„Die Gebete im Türkenkoran.“
„Er wird sich den Teufel um Suren kümmern, wenn ihm einer auf goldenen Wolken zufliegt, der Herrgott“, versetzte sie stramm, nahm ihr Buch vor und fing trotzig zu lesen an.
Es war nun still. Renate sah zu Magda empor, die hinter ihr an der Wand lehnte; sie blickte mit weit offenen Augen ins Leere. Renate sah die Gestalt der Toten in diesem Blick und wandte ihr Gesicht vorsichtig dem Herzog zu. Der saß tief vornübergebeugt im Stuhl. Jetzt löste sich fern drüben zwischen den Klavieren eine Gestalt aus dem Dunkel, Dr. Birnbaum, der auf den Zehen herkam, eine dicke Zigarre vorsichtig in der ausgestreckten Hand, von der er ein großes weißes Aschenstück in eine Bronzeschale auf dem Tisch legte. Er entfernte sich ebenso leise und ohne die Augen zu erheben. Ganz hinten auf einem Stuhl an der Wand zwischen zwei Klavieren setzte er sich nieder. Aber dem Herzog mußte der Vorgang doch bewußt geworden sein, denn nun richtete er sich auf, zog ein Zigarrenetui aus der Brusttasche, nahm eine heraus, die Augen mit ungewissem Blick gegen die Lampe gerichtet, biß die Spitze ab, nahm sie von den Lippen, legte sie auf die Aschenschale, ergriff die Streichhölzer und schien dann all dies zu vergessen. Er bewegte sich nicht mehr. Endlich kam Magda zum Tisch vor, nahm die Schachtel aus seiner Hand, strich ein Hölzchen an und hielt es ihm hin. Aufblickend nahm er es aus ihren Fingern, nickte sehr eifrig dankend, rauchte an und sagte: „Ihr macht eine schöne Musik ...“ Dann blies er das Streichholz aus und legte es hin.