Indem sagte eine ganz ferne, lippenlose, vernöckerte Stimme, leise warnend: „Heinrich, der Wagen bricht!“ —
Magda, der Herzog, Renate, alle Drei sahen nach dem Papagei in der Ecke, der sorglos vom Fußboden am Vorhang hinaufstieg. Der Herzog blies eine starke Qualmwolke, lehnte sich grade zurück und sagte mit Gleichmut vor sich hin: „Nein, Herr, der Wagen nicht!“ Und schwieg. Die Fürstin hatte nicht aufgesehn.
Da erst fühlte Renate die Beängstigung des Raumes und der Stille. Die Tote war überall zugegen; jede Bewegung bog um sie aus, jedes Wort hielt sich vor ihr zurück, jeder Blick glitt erst von ihr ab, ehe er zu jemandem hinging. Oh, gegenwärtiger war sie nun als jemals, da sie ja kaum sichtbar gewesen war am langen Tag; oder war es gerade dies, daß Alle, die sie gekannt hatten, immer nur eine Abwesende in ihr besaßen? Und wenn sie jetzt erschiene, — würden sie erschrecken? Sie war doch immer so selten gekommen! — Dumpf polternd fiel der Papagei zu Boden, der Vorhang bauschte sich, hörbar war der Regen, und Renate zerbrach sich den Kopf um etwas, das sie sagen könnte, aber die unsichtbare tote Seele hatte auf alle Dinge umher die Hand gelegt und Schweigen geboten. Dazu quälte es Renate, daß sie sich inständig mit dem Herzog beschäftigen mußte, ohne im geringsten wissen zu können, welcherlei Art das war, das in ihm vorging, und so folgte sie stumm und wie gebannt den Bewegungen seiner Schwester, die jetzt ihr Buch zuklappte, die Brille abnahm, ins Futteral steckte, dann Brille und Buch in ihren Pompadur, und aufstand. Gleichzeitig erhob sich ihr Mann in der Ecke. Sie ging um den Tisch, blieb vor ihrem Bruder stehn, der in die Lampe sah, und fragte ihn in versöhnlichem Ton und schonend: „Glaubst du vielleicht ans Jenseits, Woldemar?“
Er blickte sie kurz an, sah wieder fort, schien lange zu zaudern mit der Antwort und sagte endlich: „Ich weiß nicht ...“
„Nein, Woldemar,“ sagte sie entschieden, „nein, das verstehe ich nicht. Denn erstens wirst du sehn, daß es unrecht ist, später, denn dann hast du sie fortgeschickt, nach da oben hin —“ Sie trat eilig an den Tisch, strich mit beiden Händen die Falten der Decke glatt und fuhr fort: „— und dann wirst du sehn, wie schrecklich es ist, wenn ihre Seele in allem abstirbt, was sie hier unten hatte, und auch in dir. Zweitens aber —“ Sie, klein und zierlich, kreuzte die Arme unter ihrer Mantille und sprach über die Lampe hinweg zu Renate hinüber — „— zweitens sind wir allerdings von Natur ungenügsam, und sollens auch sein; das mit dem Jenseits aber, das sollten wir doch wohl den Armen lassen. Es sind schon so viel, daß das ganze Jenseits davon voll wird. Sollen sie gar nichts für sich allein haben?“
Der Herzog sah zu ihr auf, aber Renate konnte sein Gesicht nicht sehn. Nach einer Weile fuhr die Fürstin fort, das Gesicht wieder auf die Lampe senkend, und als rede sie mit sich selber: „Mehr als dreitausend Mark im Jahr für sich haben und dann noch an ein Jenseits glauben, — das ist ruchlos.“
„Sie leben“, unterbrach der Herzog mit rauher Stimme, „auch mit dreitausend Mark wie in einem irdenen Topf.“
„Die meine ich nicht,“ versetzte sie fest, „du weißt wohl, wie ich es meine. Ihr habt,“ sprach sie nun leiser fort, „ihr habt eine Seele, mit der ihr die ganze Erde bedecken könnt; ihr habt eine Phantasie, mit der ihr die ganze Welt mit Göttern, Christussen, Heiligen und Helden bevölkern könnt; ihr habt eine Liebe, die euch das Fernste so nah machen kann wie Kleid und Haar, — was habt ihr nicht? Und ihr wollt doch noch ein Jenseits, damit es gar niemals aufhört? Seid froh, wenn ihr endlich schlafen könnt.“
„Du warst immer eine harte Frau“, sagte der Herzog.
„Ich dachte, du wolltest sagen, eine harte alte Frau,“ erwiderte sie nicht ungütig, „aber das würde nicht gestimmt haben, wenn ich auch zwanzig Jahre älter bin als du.“