„Zwanzig Jahre“, sagte der Herzog ruhig, „ist sie da im Dunkeln auf ihrem Teppichstreifen hin und her gegangen, und du sagst: ‚daß es nur niemals aufhört‘.“
Renate, die das selbe gedacht hatte, sah auf einmal Magdas Augen, die noch am Tische stand, die Hände auf der Platte, sehr dunkel im erbleichten Gesicht auf sich gerichtet. Sie schien etwas sagen zu wollen, die Fürstin ebenfalls, aber dann sahen Beide sich an und schwiegen. Dann kam etwas Weinerliches in die verwelkten Züge der alten Frau, sie machte ein paar heftige Kaubewegungen, nickte irgendwohin und sagte: „Also, gute Nacht!“ — Ihr Mann folgte ihr nach tiefer Verbeugung vor Renate mit leicht verwirrtem Gesicht hinaus.
Jetzt fegten die Sommerstürme durch den Park hin, warfen sich gegen das Haus und schütteten Regen, daß es rauschte. Die Läden krachten und klapperten, am offenen Fenster wehte der Vorhang, Magda ging hin und schloß die Flügel. Der Herzog warf sich plötzlich im Stuhl herum und fragte hastig: „Sie bleiben doch noch?“
Renate nickte erregt und hülflos, fragte sich, ob sie noch spielen sollte, wandte sich dann zu Magda hinüber, aber die war nicht mehr am Fenster. Noch zauderte Renate, erhob sich dann aber leise, schritt bis zur Türöffnung und ging dann, da sie fern einen leisen Lichtschein bemerkte, durch die dunklen Zimmer Magda nach.
In dem großen, düstern Gemach saß Magda am kleinen Rokokoschreibtisch der Herzogin bei einem Licht vor den matt glänzenden Goldbronzebeschlägen der vielen kleinen Schubkästen des Aufsatzes, unter dem Bilde des Herzogs, die Unterarme auf der Tischplatte. Renate legte, zu ihr tretend, die Hand auf ihre Schulter, und sie sagte:
„Ich kann nicht mehr; ich möchte zu Bett gehn. Laß ihn noch nicht allein. Starke Männer wie er sind so hülflos. Es wäre gut, wenn er weinen könnte. Was schenkst du mir vorm Schlafengehn?“ fragte sie, zu ihr aufblickend.
Sie schwiegen Beide, Beide an die Genfer Zeit denkend, wo Renate Magda allabendlich einen Spruch schenken mußte, und Renate schauderte vorm Schwinden der Zeit. Lange fiel ihr nichts ein, doch dann kamen die Worte Hölderlins zum Vorschein, die sie leise über Magdas Scheitel vor sich nieder sagte:
„Gleich dem Gewölke dort geh ich dahin, und du
Ruhst und glänzest in deiner
Schöne wieder, du süßes Licht.“