Er schlug die Handballen gegen die Stirn, krümmte und wand sich innerlich. Gleich aber ermannte er sich wieder, setzte sich gerade, faßte seine Stöcke und sagte:

„Ja, sehen Sie, dabei bin ich nun das hier geworden. Sie glauben vielleicht, ich wäre als Junge so was gewesen wie Georg. Ha, der Junge denkt in einer halben Stunde soviel wie sein Vater nicht im halben Jahr!“ Er lachte. „Ich sage nicht, daß ich mit ihm zufrieden wäre, man muß ihn schon lassen, da läßt sich nichts ändern, übrigens ist er die Monate jetzt in Trassenberg stramm hinter der Arbeit gewesen, mein Sekretär bezeugts, also ist es wahr. Ein komischer Bursch. Ja, hören Sie mal, wir machten eine kleine Reise zusammen, gehen in einen Laden, und ich kaufe was für Helene, da habe ich kein Geld bei mir und sage ihm, er solls auslegen. Ja, er hätte kein Geld bei sich, sagt er. Nun, das kann vorkommen, aber ein paar Tage später passiert dieselbe Geschichte, und da erzählt er mir denn, er hätte überhaupt niemals Geld und zeigt mir so zwei, drei Goldstücke, das sei alles, die brauche er hin und wieder zum Verschenken, und zeigt mir ein Scheckbuch und sagt: ‚Ich schreibe immerzu meinen Namen.‘ Unbegrenzten Kredit haben, ist groß, sagt er, ihn benützen kann nur kleiner sein, — oder so ähnlich. Nein, da war ich ein Windhund gegen ihn. ‚Höchstes Glück der Erde,‘ wie der Dichter singt, ‚heißt der Adelsspruch, liegt auf dem Rücken der Pferde‘ und so weiter. Ja, das waren auch Zeiten!“ Er sah an Renate vorüber weit weg in die Erinnerung.

„Eines Tages,“ begann er wieder mit leiserer Stimme, „eines Tages sagte eine junge Dame zu mir, weil ich irgendwas nicht gewußt hatte: ‚Wie kann man so dumm sein!‘ Das hatte ich noch nie gehört, und nun von solch einem Wesen mit großen Augen und braunen Haaren! Die Sache war schon abgekartet, sie war Hofdame und würde nicht viel haben, aber doch gerade so ein Stück Land, das meinem Vater zur Abrundung fehlte, sie war reichsunmittelbar, und so paßte alles, bloß ich habe ihr ganz und gar nicht gepaßt. Wir verlobten uns allerdings, und ich war heftig verliebt, sie aber schickte mich auf Reisen. Mein Vater hatte nichts dagegen, und so reiste ich, ja, ich reiste nicht allein, ich hatte eine Geliebte, die nahm ich mit, ich war trotzig auf meine Braut, so fuhr ich um die halbe Welt, aber ich kam wohl nicht viel anders wieder, als ich ausgefahren war. Ja, nun hören Sie, wie es mir erging. Ich hatte doch gedacht, meine Braut würde das nicht merken mit meiner Reisebegleiterin, aber weit gefehlt, denn sie hatte mich auf der ganzen Reise von einem Freund beobachten lassen — dies gestand sie mir erst Jahre später —; und also, wie ich wieder vor sie hin trete, sagt sie: Wo bist du gewesen? — Es ging mir durch und durch, wie sie mich ansah, dermaßen kaltblütige Augen machte sie, und ich fing an zu stottern. Bisher, sagte sie da, ich höre es noch heute, bisher habe ich dir wenig genützt; nun kannst du noch mal andersherum um die Welt fahren, dann werden wir weiter sehn. — Diesmal aber gab sie mir einen Freund mit, einen kleinen Juden, den ihr Vater als Bocherknaben aufgegriffen und erzogen hatte. Er hatte alles gelernt, was es in der Welt zu lernen giebt, sprach viele Sprachen, war so unauffällig wie eine Katze, so bescheiden wie ein wohlerzogener Hund und so klug wie Rabbi Löw, nun, Sie kennen ihn, er hat sich seitdem verändert, es ist mein Doktor Birnbaum, der ging also mit, und da gingen mir die Augen auf. Als ich dann wieder kam, — nun, was mich selber angeht, ich hatte einen Eckstein zu mir gelegt, und sie fiel mir damals um den Hals und sagte, sie wäre gestorben, wenn sie mich nicht gekriegt hätte. Sie hätte mich ja nicht gewollt, grollte ich da. Dummes Zeug, sagte sie, ich —“

Überdem gingen ihm die Worte aus, seine Augen verdunkelten sich, es rauschte im See, er drehte sich heftig um, der schwarze Artaxerxes kletterte von der Insel ins Wasser, schlug mit dem lebendigen Flügel und glitt schaukelnd davon.

„Ein Jahr“, sagte der Herzog vor sich hin, „neun Monate lang war sie jung und schön und zierlich; ihre Hände griffen kräftig zu, und so packte sie mein Herz, sie ließ ihrer nicht spotten, ja, und nun ist sie ja tot ...“

Der Schwan hatte einen Bogen geschlagen, kam nun in schnurgerader Bahn auf die beiden Sitzenden zugeschwommen, hin und wieder den Kopf drehend, ein wenig emporfahrend bei jedem Stoß des ruhig treibenden Fußes. Gleichzeitig wurden Schritte hörbar, Doktor Birnbaum erschien, langsam am Ufer hergehend. Der Herzog wandte sich nach ihm um, nickte und sagte, wieder zu Renate gedreht, trübherzig spottend: „Der Arzt mit der mahnenden Arzneiflasche Arbeit.“

Der Doktor nahm ein Stück Brot aus der Tasche, brach Brocken ab und streckte die Hand aus; der Schwan schwamm ans Ufer, stieg herauf, der lahme Flügel hing kahl und ergraut zu Boden, er streckte den Hals, nahm den Brocken und verschluckte ihn; dabei sah er mit dem roten, stirnartigen Wulst über dem Schnabel und den rotgeränderten Augen nicht klüger und nicht stolzer aus als ein häuslicher Hühnervogel. Der Herzog seufzte leicht und stand auf.

„Doktor Birnbaum, sehen Sie, hat auch den Schwan repariert,“ sagte er, „schon benimmt er sich wieder zahm und manierlich.“

Er nahm die Stöcke in die linke Hand, streckte Renate die rechte hin und bat, ihm nicht zu zürnen ... Sie konnte ihn nur herzlich ansehen und ihm die Hand drücken. Er drehte sich weg, reichte dem Doktor einen Stock und faßte seinen Arm. Renate wandte sich ab.

Auf dem grünen Uferstreif hockte der Schwan und putzte mit dem Schnabel an dem vertrockneten Flügel. Lange blickte sie gedankenvoll auf ihn herunter, dann kam Magda, um sie zum Frühstück zu holen, aber sie schien dem Schwan nicht zu gefallen, er fauchte, machte sich auf, stieg ins Wasser und zog mit unwilligen Kopfbewegungen davon. Magda lächelte und meinte, er habe es ihr nicht vergessen, daß sie ihn überflog, — fragte dann, ob Renate mit dem Herzog gesprochen habe. Renate versuchte, während sie auf das Haus zugingen, einiges von dem, was er gesprochen hatte, wiederzugeben, gewahrte aber jetzt, als habe Gewölk sie bisher verdunkelt, die Sonne wieder, den juligrünen Garten, atmete auf, brach einen Satz inmitten ab, legte einen Arm um die Freundin und sagte: