Das Stück des Weihers vor ihr war glatt und schwarz, Himmelsblau und Wolken erfüllten die Tiefe, vielmals tiefer als der Weiher selber war, zur Rechten war alles grün, eine rasenhafte Fläche von Entenflott, ja dort war wohl Magda hineingeritten und hatte Jason herausgeholt. Wie war das zu verstehn? Jason, der herumging wie eine sonderbare Abart des lieben Gottes, der sollte hier — —? Magda freilich, — ihre Tat war eher zu verstehn heute. Nur dunkel tauchte in Renate eine sonderbare Prophezeiung auf, — ach längst erledigt und abgetan! — Renate sah nach links hinüber zu den Baumkronen der Insel in einiger Entfernung. Sonderbar, die kleine Brücke, die dort hinüberführte, stand ja schräg empor? Richtig, sie erinnerte sich, daß ein Gewinde daran war, um sie durch einen Knopfdruck, wenn man auf der Insel war, steigen zu lassen, so daß niemand herüber konnte, denn es war ja einmal ein Liebespavillon auf der Insel gewesen, die Trümmer waren erst jetzt fortgeräumt, denn nun war es ein Friedhof; und nun hatte der Herzog wohl auch das durchgerostete Hebewerk erneuern lassen. Renate dachte an Stöckelschuh unter breiten Seidenröcken, an zierliche Krummstäbe, Bänder und schäferliche Hüte, die einmal über diese Brücke geglitten waren. Schwerer trug sich ein Sarg von Ebenholz mit silbernen Beschlägen an dem traurigen Tag der Fackeln und Flöre, seltsam flatternd in kräftigem Seewind und hellem Sonnenschein.

Indem bewegte sich etwas auf der Insel, ein Mensch, schwarzgekleidet, kam auf die Brücke zu, von einem andern, kleineren begleitet, der Herzog auf seinen Stöcken. An der Brücke blieb er stehn und schien herüberzublicken. Dann ging er über den Steg, blieb stehn, und nun entfernte sich der Andre, Dr. Birnbaum wars, nach dem Schloß hin. Der Herzog kam auf dem Uferwege auf ihre Bank zu, langsam, Stock um Stock und Fuß um Fuß vorwärtssetzend, vornübergebeugt, — Renate blickte fort, um es nicht mit anzusehn. Als sie seine Schritte nahe hörte, stand sie auf, er versuchte eiliger zu gehn und bat sie schon, sitzen zu bleiben. Bald darauf saß er neben ihr, erhitzt von der Anstrengung, sein Keuchen unterdrückend, die Stöcke zwischen den Schenkeln, barhaupt. Renate fand ihn stiller, die Augen freilich hatten sich noch nicht gänzlich wieder in der Gewalt, und ein Blick von sonderbarer Ängstlichkeit kam dann und wann zum Vorschein. Verquer dazwischen fuhr dann ein gewaltsamer Ausdruck von Verächtlichkeit, am Munde im Bart verzuckend. So saß er eine Weile still, über den See hinblickend, sah dann zur Seite, sah Renates Buch auf der Bank, rührte mit der Hand daran und sagte, er habe sie hoffentlich nicht gestört. Renate, schon zufrieden, daß er sich wieder an einen Menschen gemacht hatte, dachte, daß er nun einen Anfang gefunden habe, und lächelte nur verneinend; da er aber wieder schwieg, sagte sie ihm, was sie eben gedacht hatte vom Lesen im Sonnenschein. Er hörte zu und schwieg weiter, sagte dann, einen Schweißtropfen mit der Hand von der Stirn wischend: „Ein hübscher Gedanke, ja, sehr hübscher Gedanke. Meine Frau las viel, auch die letzten Jahre wieder konnte sie sich doch vorlesen lassen, ja, sehen Sie, das muß man doch sagen, ja, das muß man doch sagen, daß es, solange ein Mensch lebt, solange er leben muß, nichts Unerträgliches gibt. Ihr Kopfschmerz war so, immer durch Tage, ja durch Wochen hin so, daß sie in den ersten Jahren mit Gewalt am Leben gehalten werden mußte. Ja, und dann hat es sich doch gegeben, oder vielmehr sie ist es gewohnt geworden. Mitunter waren ja auch Tage, zwei Tage, drei Tage, wo der Schmerz nur ganz leicht war. An den schweren Tagen soll es so gewesen sein, als ob — also wie diese mittelalterlichen Mundbirnen — als ob ihr die Knochen des Kopfes von einer ungeheuer langsamen Gewalt auseinandergetrieben würden, aber das waren nur die Nerven, ja nur die Nerven. Sehen Sie, und das dauerte nun bald zwanzig Jahr.“

Er hatte langsam, aber doch leicht und ruhig, beinah trocken vor sich hingesprochen. Jetzt drehte er sich zu Renate herum, legte die Hand auf das Buch und sagte:

„Die Weisheit des Herrn ist unvergänglich, und seine Güte währet ewiglich. Dies Wort ging so in mir herum, und sehen Sie, ich finde es doch erstaunlich, wie die Menschen solche Worte aufgestellt haben. Man kann fast nicht daran rütteln, es steht so da wie ein Turm, und wenn es sich auch nicht denken läßt, so läßt es sich doch sehn, nicht einsehn, aber sehn, jawohl ...“

Nun schwieg er wieder und sah vor sich hin. Renate dachte, daß dieser Mensch wahrscheinlich niemals geschwiegen habe. Er konnte alles sagen; was er wollte und wie ers wollte. Immer waren Menschen da, die es anhören mußten und darauf eingehn. Und vielleicht gerade, weil er gegen seine Frau zum Schweigen verurteilt war, hatte dies ihn um so leichtherziger gemacht im Aussprechen seiner Gedanken gegen die Andern, gegen seinen Sekretär vor allem, der ihm durch den Tag hin anhing wie ein Schatten. Denn das Eigentliche war es doch nie, was er sagen konnte, oder wenn es schon das Eigentliche war, so konnte ers doch nicht auf die rechte und innerst gewünschte Weise hervorbringen, und es war — aber in diesem Augenblick hörte Renate ihn wieder sprechen und merkte betroffen, daß er eben das, was sie zu denken im Begriff war, aussprach, indem er anfing:

„Ich will Ihnen sagen — es ist nun schon so, daß ich den Mund nicht halten kann,“ unterbrach er sich lächelnd — „ich will Ihnen sagen, daß ich eigentlich jahrelang, zwanzig Jahre lang in einer fremden Sprache geredet habe. Ich habe nicht wenig geredet, es war ja immer wer zum Zuhören da, aber immer habe ich meine Gedanken erst so übersetzen müssen; in die Fremdsprache. In der eigentlichen schwieg ich mich aus, in der hätte ich mit Helene reden können, aber nun war das ja zugeschüttet. Haben Sie“, fragte er, sich unterbrechend, „meine Schwester kennen gelernt? Richtig, Sie spielten uns ja vor neulich abend! Ja, mit der Fürstin habe ich wohl auch hier und da ein Wort in unsrer Muttersprache gesprochen, aber es war doch nicht die richtige, nein, es war nicht die richtige.“

Er faßte sich mit der Hand nach den Augen, als gebe es etwas wegzustreifen, und sagte:

„Es ist mir doch fortwährend, als wäre sie selber wie ein Schleier vor mir weggenommen, und ich kann sie nun erst sehn, wie sie wirklich war, und was ich — nie besaß, und was ich nun endgültig verloren habe.“

Er hielt inne, und Renate merkte wohl, daß dies auch nicht die rechte Sprache war, und wie er herumtastete, hülflos genug, und nach um so gemeineren, allgemeineren Worten griff, je heftiger ihn nach eigentümlichen verlangte. Hastig sprach er schon weiter, auf einmal von seinem Malheur, an das er nun immer denken müsse, dies merkwürdige Zusammentreffen mit dem Krankheitsbeginn seiner Frau, und er erzählte, wie das gewesen sei: zwei Stockwerke hoch sei die Planke des Baugerüstes gebrochen, und er habe schwankend und um sich greifend sich noch gesagt: springen und — vornüberfallen, sonst ist das Rückgrat zum — da lag er unten, die beiden Füße waren einfach ab. Anfänglich habe er, als es mit dem Gehen nichts wurde, geheult wie ein Dorfköter an der Kette, — er lachte gutmütig und zeigte Renate eine Narbe am Handgelenk, die sei vom Einschlagen der Glasscheibe am Gewehrschrank, den sie zugeschlossen hatten, ja, damals sei er ganz außer Rand und Band gewesen. Wie sich denn aber das Leiden seiner Frau so hartnäckig erwiesen habe wie seine Gehunfähigkeit, da habe er nachgegeben und um so leichter verzichtet. Vielleicht, meinte er, hätte ich sogar gehen gelernt, der Arzt sagte sowas von ein paar Jahren, dann würde alles wieder zurechtgewachsen sein ...

„Aber sehen Sie,“ hörte Renate ihn wieder deutlicher reden, da sie sich aus den Vorstellungen und Bildern, die seine Worte erzeugten, losmachte, „da wollte ichs denn auch nicht mehr, wenn Sie vielleicht eine Ahnung haben, was Warten ist, Warten, wie sie und ich auf ihre Heilung, auf Linderung gewartet haben, erst Wochen, sechs Wochen, neun Wochen, zwölf Wochen, und auf einmal warens Monate, drei Monate, fünf Monate, acht Monate, und nun — Jahre, ein Jahr, drei Jahre, vier Jahre, fünf Jahre, sechs Jahre und am Ende — alles umsonst.“