„Lieber guter Georges, als ich zuerst eben Deinen Namen schreiben wollte, hätte ich fast mit einem S angefangen und Schorsch geschrieben oder auch Schorschl. Siehst Du, so wohl ist mir! Nicht ganz christlich wohl, denn wir haben ja vor kaum acht Tagen die arme Helene zur Ruhe gelegt auf der kleinen Insel im Süßwasserteich. Am Rande einer kleinen Lichtung liegt sie, wie sie es gewünscht hatte, unter einer Blutbuche. Kein Grashügel ist zu sehn, nur flacher, grüner Rasen, und am Baumstamm ist eine eherne Tafel, von weitem kaum sichtbar, auf der steht nur

Helene
Herzogin

„Der Herzog war fast drei Wochen fort; ich sehe ihn nun zuweilen von weitem im Park sitzen. Georg ist wieder fort ins Semester.

„Lieber Freund, es ist ein Wintertag gewesen, und an diesem Wintertage verlor sich diese Renate Montfort und sagte zu Georges, weil er etwas gesagt hatte, das ihr nicht gefiel: Geh hinaus. Da ist er aufgestanden und hinausgegangen, und sie saß böse da und zerriß ihr Taschentüchlein wie so eine Hysterische, bis er wieder hereinkam und sagte, es hätte aufgehört mit Regnen. Da ist sie aufgestanden und vor ihn hingetreten, hat aber nur ihr rechtes Handgelenk auf seine linke Schulter gelegt und ist so einen Augenblick dagestanden und hat den Kopf gesenkt gehalten und ist hinausgegangen. Ich habe eben versucht herauszubekommen, was ich gedacht haben mag in jenen Augenblicken, aber es muß feststehn, daß ich wirklich nichts gedacht habe, nur etwas empfunden. Ich glaube, bei Männern ist das unmöglich, und ich sage gleich, daß sie es deshalb besser haben, denn sie wissen sich immer zu helfen mit einem obstinaten Gedanken, wir aber sind uns selber preisgegeben, müssen aus solchen Pausen des Nichtseins nachher handeln, und alles wird verkehrt. Sonst habe ich ja diesen ganzen, traurigen Winter lang nichts getan als herumgegrübelt, es war entsetzlich, ich weiß nun erst, wie meiner armen Magda ums Herz gewesen sein muß in dem Winter vor zwei Jahren.

„Sage, Georges, ist es wahr, daß in der Güntherstraße die Sonne nicht mehr scheint? Oft, so oft, wenn ich mittags am Fenster stand und den alten Mann in seinem schwarzen Mantel, gebückt und schneeweiß auf dem Weg um die Sonnenuhr wandern sah, so dachte ich, daß er den Schatten von der Uhr fortgenommen habe und selber der Schatten sei, der in furchtbarer Schnelle herumkreise und die ganzen Sonnenstunden des Tages abwirble, und wenn er plötzlich fort war, war auch keine Zeit mehr im Garten und im Hause, und alles stand still.

„Es war immer Schlackerschnee und Regen, solange ich diesen Winter zurückdenken kann, nur einmal erinnere ich mich eines Vorfrühlingstages, da fuhr ich zu Irene, und die Sonne schien, aber siehst Du: in der Güntherstraße war das nicht. Und ich kränkelte immerfort — wann wäre ich früher krank gewesen! — und oh wie mir am ganzen Leibe zumute war, das kannst Du ja gar nicht ahnen, und ich kanns nicht beschreiben.“

Aufblickend dachte Renate, daß aus den zwei Tagen, die sie allmonatlich zu ruhen pflegte, mit der Zeit fünf geworden waren, wo sie sich kaum zu regen vermochte, wo sie kaum ein Stück Kleidung am Körper ertragen konnte und immer nur auf dem blauen Sofa lag, halb oder ganz entkleidet, stundenlang manchmal vor sich hin weinend vor Gram und Hülflosigkeit über sich selbst, aber das konnte sie ihm nicht gut schreiben, und sie fuhr fort:

„Tagelang, wochenlang drückte mich jedes Band, jede Falte auf der Haut, ich kam mir neidlos vor wie die berüchtigte Prinzessin auf der Erbse, und wieder tagelang und wochenlang war ich so schlampig, daß ich vor reiner, oder vielmehr unreiner Trägheit manchmal des Morgens nicht gebadet habe, sondern bloß abends. Ich weiß nicht, woher ich so war, denn das kann ich doch nicht auf mein Herzeleid wegen Onkel Augustins schieben. — Was es auch gewesen sein mag, so bitte ich Dich jedenfalls heute herzlich um Verzeihung wegen jeder Laune und Unwirschheit, wobei mir albernerweise einfällt, daß ich noch nie einen Menschen habe sagen hören, er sei wirsch, aber nun bin ich wirsch.

„Da ist der Bleistift abgeschrieben, und ich habe kein Messer, um ihn anzuspitzen, und Georges ist nicht da, der ein Messer haben würde, und ich denke, wenn mans wagen könnte, so würde ich mich jetzt splinterfaselnackt ausziehn und von oben ins Wasser springen, da wo es am tiefsten ist. Leider konnten wir noch nicht in der See baden, es ist noch zu kalt. Ich hole das letzte Bißchen Graphit aus dem Bleistift heraus, sende Dir viele schöne Grüße und anbefehle, daß Du spätestens am fünfzehnten Juli in Helenenruh zu erscheinen hast. Helenenruh gehört nämlich jetzt Magda, und da sogar der Herzog sich als ihr Gast betrachtet, so wirst Du kaum herzoglicher als der Herzog sein wollen. Grüß Gott, Georges, und mach, daß Du kommst! Stets Deine alte Renate.“

Renate legte die Blätter zusammen und in das Buch, auf dem sie geschrieben hatte, legte es ins Gras und streckte sich lang aus. So lag sie eine halbe Stunde, oder eine ganze, sie wußte es nicht, die Hände unterm Kopf, friedlich aufgelöst in Sonnenschein, Himmel und Geräusch der See. Dann stand sie auf, klappte den leinenen Sonnenschirm zu, klemmte ihr Buch unter den Arm und schlenderte langsam über die Wiesen hin, im Gehen einen lockern Strauß von gelben Sternblumen und Gräsern sammelnd. So geriet sie in den Schatten des Parks, wanderte hindurch und geriet an den Teich, ging zur Bank, die dort stand, und setzte sich, machte ihr Buch auf und las ein Stück im Großen Kriege der Ricarda Huch, merkte aber, daß es sich nicht gut las im Freien und in der Sonne. Ja, dachte sie aufsehend, wie kann man im Sonnenschein lesen: Graues Gewölke bedeckte den Novemberhimmel, oder dergleichen? Aber sonderbar, daß nur das künstliche Licht abprallt — denn dabei gehts doch! — aber die Sonne läßt ihrer nicht spotten ...