Sie hatte nach der Lampe gesehen, solange sie sprach, und nun, ohne erst mit Augen zu fragen, wußte sie, daß sie zu ihm hinzugehn hatte, aber jetzt war es der Erasmus, dem sie die Hand auf die Schulter legte. Während vor ihren verdunkelten Augen die Wände der Kapelle sichtbar wurden, die Pfeifen der Orgel, die Fensters, hörte sie das aufsteigende Schluchzen in der Brust des Mannes, das er noch bezwingen wollte, dann fühlte sie ihre linke, herabhängende Hand heftig ergriffen, und diese an seine Schläfe pressend, daß es sie schmerzte, weinte er, und sie hielt still, bis er genug hatte. Einmal, wie ein Knabe, der glaubt, sich entschuldigen zu müssen, brachte er hervor, ungeschickt und kläglich: „Sie war doch nie da, und nun ist sie ganz fort.“ Renate biß die Zähne zusammen; langsam hörte er auf. Um ihn ja nicht zu beschämen, ging sie eilfertig hinaus.
In ihrem Zimmer saß Renate lange auf einem Stuhl, biß ins Taschentuch und dachte, es sei nicht anders, und sie müsse dem Erasmus nun schreiben, daß er sie haben könne. Sie fühlte mit furchtbarem Reiz den Zwang, irgend etwas zu tun, als sei da ein Strom des Leidens, über den ein einzig Mal und in diesem Augenblick der Damm einer Tat geworfen werden müsse, und wenns eine Untat war. Der Erasmus hatte niemand, und ihm stand sie doch nah, und der reiche Mann hier, der Herzog, der hatte gleich jemanden bei der Hand. Ihr quoll das Herz von Elend, die Zunge ward ihr bitter im Mund, sie sprang auf, lief zur Tür, auf den dunklen Flur und an ein Fenster. Aber es war kein Licht mehr im Saal. Im Dunkel gesträubte Gestalten von Bäumen schüttelten sich, wankten, schlugen mit Ästen; schwer goß der Regen, und die Dachpfannen lärmten. Einmal, dachte Renate sinnlos, sind wir ja alle tot. — Als aber jetzt ein Geisterscheinen durch die Nacht ging, hielt sie es für die abgeschiedene Seele, die in Sturm und Nächtelärm auch noch nicht wußte wohin, herumwehend, nach Seufzern der Lebenden haschend und langsam, langsam sich verlierend in das Allgemeine der dämmrigen Welt.
Sie trat zurück vom Fenster, ging in ihr Zimmer, entkleidete sich müde, legte sich und verlor in Bälde Sinne und Herz in dem öden Dämmerland der zerfließenden Träume.
Sommer
Renate saß auf dem Rand des Deiches im Schatten des hinter ihr stehenden Sonnenschirmes, ließ die Füße nach unten hängen, hielt die Hände über Buch, Briefblock und Bleistift im Schoß gefaltet und betrachtete die hellblaue, sonnenglitzernde Wasserfläche vor ihr mit tiefem Behagen. Als sie sich satt gesehen zu haben glaubte, legte sie das Buch neben sich ins Gras, klappte den Löschblattdeckel des Briefblocks um, setzte die Feder an und schrieb:
„Lieber Josef!“
An meinem Geburtstage kam ich diesmal leider nicht —, wollte sie fortfahren, allein das war nicht möglich. Es gab nichts zu schreiben. Sie wollte sich besinnen, weshalb das so war, fand aber keinen Grund, worauf sie das Blatt lostrennte, es erst zusammenfalten wollte, dann aber wie es war aus der Hand fliegen ließ. Es stolperte mühselig, vom Luftzug unbeholfen gestützt, die grüne Deichwand hinunter bis unten, wo es groß und weiß haften blieb. Wenn ich nun wüßte, ob Flut oder Ebbe ist, dachte Renate geringschätzig, könnte ich ja noch warten, bis es in See sticht. Ein schönes weißes Blatt mit Wasserlinien und Lieber Josef! darauf dürfte genügen. Sie wartete wirklich ein Weilchen, sah eine, zwei Wellenzungen — träge, als ob es die Mühe nicht lohnte, nach dem Blatt emporlecken, dann hatte sie genug, sah auf das neue Blatt auf ihren Knien, setzte wieder an und schrieb in einem Zuge:
„Ach, Georges ...
„Ein ganz kleiner Wind möchte gar zu gern den unteren Rand des Blattes hochheben, auf dem ich schreibe, immer wieder versucht ers, seine unsichtbare, kleine weiche Hand drunter zu schieben, bis ich ihm einen Klaps gebe, dann ist er für Augenblicke still. Auf dem Papier liegt Schatten, und links unter mir liegt ein unförmliches Ungetüm von Schatten die Grasböschung hinunter, das bin ich mit dem hinter mir stehenden Sonnenschirm; rundum aber ist alles Licht, schwellendes, singendes, funkelndes, flimmerndes, tanzendes Sommerlicht, aber was mir im Ohre, im Blute rauscht, leise rauscht, anschlagend immerfort, immer wieder, ununterbrochen, das ist die See, die See dicht mir zu Füßen am Deich, auf dem ich im Grase sitze, die See, die, wie mir scheint, in die höchste Flut gestiegen ist, die beim Landwind nicht brandet, sondern nur anschlägt, immer wieder, ein kleiner Schlag, und wieder — ein leichter Schlag, und so fernhin zur Linken, und fernhin zur Rechten am Ufer die leise Bewegung des weißen Bandes, das zurückgezogen wird und wieder angeworfen, so leicht, so leicht ... Aber wenn ich die Augen hebe, liegt sie still und gewaltig da, nicht eben unermeßlich, der Horizont ist ganz nah, es ist nur ein kurzes Stück Wasser, das ich sehe, aber es ist doch unermeßlich, denn es endet nirgends, und es bewegt sich so geheimnisvoll, es ist wie eine ungeheure Masse von Wesen, Tierwesen, Götterwesen, gestaltlos aufgelöst und doch wesenhaft, als könnte jeden Augenblick Gebärde und Blick und Leib deutlich herausspringen und sich zeigen, aber schon versinkt es wieder und ist so beklemmend allgemein, Heerscharen, nur Heerscharen heranströmender Seelen, die niemals näherkommen. Und kühl ist es dabei, wonnig kühl und glitzernd und wäßrig dunkelblau und unsagbar ruhig unter der großen Sonne am Himmel.
„Ich hab die burgunderrote Seidenjacke an, Georges, es wäre mir aber nicht unlieb, wenn Du Dir den hinter mir stehenden gelblichen Leinenschirm weg dächtest und an seiner statt — Septentrio, sanftesten Seewind, einen kiefernbraunen Götterjüngling, der mit ebenhölzernem Kamme — — soweit. —