Nein, sie hatte recht, es war nichts. Kühnen hatte sie freilich als schön erfunden zugeben müssen, da thymos ja nicht nur Seele hieß sondern auch Mut, — aber wo waren die vielen O und A? Den Ersatz durch die zwei prachtvollen E-en konnte Georg jetzt auch nicht mehr aufrechterhalten und begann, nach As und Os zu suchen, wälzte sich umher und bekam endlich nach vieler Mühe zusammen:
Zornvoll, gramesvoll ward vom Donner der Wogen der Kühne.
Freilich zu wenig A-en waren es immer noch, aber es klang doch sehr schön: Zornvoll, gramesvoll ward ... Wie spät war es eigentlich? schon fünf und Zeit zum Aufstehn? — Aber die Uhr vom Nachttisch ertastend, erkannte er, daß es noch nicht halb fünf war. Ah dann konnte er einmal die Sonne aufgehn sehen!
Das kaum fußhoch über seiner Matratze eingesetzte Fenster hochgeschoben, den Laden auseinandergeschlagen, empfing Georg den erstaunlichen Anblick einer dunklen Welt, in der es schon Tag war. Nicht Tag, — es war seltsam verhangen, aber schon hell, die Sonne noch nicht aufgegangen. Kein Vogellaut ließ sich hören, Totenstille war umher, der Himmel oben grau, aber siehe da — gerade drüben überm unermeßlich dämmernden Land, blitzend in güldener Weiße, stand der Morgenstern in klarem Raum, einsam in unendlicher Kühle. Nun begriff Georg auch den Schauer der Stille im eigenen Herzen, die von dem großen Stern ausging. Heilig stand er, ein silberner Erzengel, gebieterisch, ein Herold des Ewigen, nicht fürstlich bei aller Hoheit, ein Diener des Fürstlichen, und hinter ihm — das undurchdringliche Fernengrau der Leere, die dämmernd bläuliche Unendlichkeit voller Straßen, die sich, alle zusammenlaufend, ins Unermeßliche verloren: Alle diese bleiben euch unzugänglich, sagte er ernst. — Georg konnte die Augen nicht wegwenden von der strahlenden Hoheit, und als er es endlich wagte und in den Garten hinabsah, war es ihm, als brenne der Stern seinen Blick durchdringend auf seine Stirne ein.
Stille unter ihm lag die halbkreisförmige kleine Plattform aus gelbem Kies, von der, unter der Rosenhecke hinweg, der grüne Rasen nach allen Seiten abfloß; still in der Mitte die roh gefügte Steintreppe, von Moosen und Staudengewächsen und schönen Gläsern bedrängt, ruhig hinabsteigend zum großen, rechteckigen Becken gründurchwachsenen Wassers, das kaum glänzte, die gemauerten Ränder überwuchert von Binsen, Schilf und Iris sibirica. Seitlich stiegen die Böschungen sacht an zum wagrechten Wiesenboden, der sich unter Buschwerk und Bäume verlor, an unzählbaren Stellen besetzt mit den großen weißen und farbigen Flecken der Blumen und Staudengewächse, die, jetzt matt scheinend, alle überleuchtet wurden von den mannshohen Pfeilern des Edelrittersporns, bekleidet rundum mit dem kalten und tiefen Blau der großen Blüten. Wie aber war die ganze Senke eingeschlossen in regungslose, betrachtende Erwartung des kommenden Lichts! Wie unsäglich stille verhielten sich die beblätterten Ranken der Crimsonrose mit schweren Blütenbüscheln, die jenseits des Wasservierecks vom pfeilergetragenen Balken hingen! und ringsumher wagte kein Hauch sich zu regen in den Sträuchern, den Hügeln der großen Aspiräen, den umschließenden alten Bäumen, durch deren breite Lücke und über die hinweg Georgs Blick nun mit Andacht hinauswanderte in das stille Morgenland, über die Weideflächen seiner Ebene im farblosen Licht, bis hin zu den Schatten der Wälder.
Wieder ausgestreckt, auf den linken Ellenbogen gestützt, erwartete auch Georg den Tag.
Langsam erst jetzt, unmerklich vorquellend, drang die Morgenfrische zu ihm herein, so unbeweglich war die Luft. Georg schloß die Augen und ließ es rieseln um sein Gesicht. — Sie schlief wohl noch unter ihm, die arme Seele. Arme Seele — wie sie sich in ihren Briefen, auch im kindlichen Geplauder mitunter nannte — und die reicher war, tausendmal reicher als er. War sie nicht wieder im Zimmer gewesen diese Nacht? Freilich — das Gewitter — sie hatte es nahen hören und war gekommen, sein Fenster zu schließen. Aber schon früher einmal hatte er, erwachend, sie neben sich kniend gefunden, dem Fenster zugewandt. Was sagte sie noch? Ich gab mir doch Mühe, es zu bewahren, aber wer behält all ihre Einfälle? man müßte Jasons Gedächtnis haben. — Richtig: was machst du denn da? fragte ich, und sie sagte, den Finger hebend, andächtig: Da zähl ich die Sterne. Ja, da zähl ich und zähl ich, und immer verzähl ich mich. Sprachs und legte sich enge zu ihm, und das war wohl ihr Nachtgebet, die Sterne über ihm zu zählen ... Aber dann erzählte sie noch etwas, ja, er hörte sie leise lachen und sagen: Rübezahl, das war aber ein dummer Geist, der wo die Rübsen hat zählen sollen und net können. Na, so eine Dummheit, die ollen Rübsen zählen und sich verzählen. Nein, weißt, einer war — der hat ‚Sternezahl‘ geheißen, auch so ein dumms Luder von an himmlischen Engel, der wo gsagt hat zum Herrgott: die Stern, und die zählt er ihm schon lang auf, so vüll sans denn do net! Hats aber net können. Sondern hat dagstanden eine ganze Ewigkeit lang und gezählt und gezählt und hat sich verzähln müssen olleweil. Weils halt — zu — viel san. Da is er trauri geworn, schloß sie kleinlaut. —
Aber weißt — sie freute sich wieder — den lob i mir, i! Net den dummen ... Sprachs, sagte: schlaf wohl! und war verschwunden.
Georg atmete dankbarlich auf und öffnete die Augen. Der helle Stern war tiefer gesunken und verblaßt, der Himmel sanft bläulich geworden und weiß, ein Wolkenrand, ein Hauch kleiner, silberweißer Bogen war lieblich hingemalt auf die kühle, schon leuchtende Wand. Da krähte ferne ein Hahn. Es wurde immer feierlicher umher; Georg schlug das Herz. Nichts, das sich regte, — doch — im Wasser unten gluckste es, ein Ring zeigte sich und dehnte sich blinkend aus; es ward heller. Auf einmal wehte ein kühler Atem so lebendig Georg an, so menschenhaft, daß es ihn überlief. Plötzlich hatten die Blätter der großen Akazie dort hinten sich bewegt, erwachend, nur an einem großen Ast, und überall knisterte es nun leise, Häupter bewegten sich, Schläfer, die ihre Lage wechseln wollten, wachten auf, Zweige rauschten sanft, die hohen Königskerzen bewegten sich gemessen, Binsen beugten sich und rauschten, unbeweglich standen die Irisstauden am Wasserrand scharenweis. Und nun wartete alles in Ergebenheit.
Georg erschrak. Was war das? Etwas Fremdes war über die Erde gekommen! Lautlos wie ein Geist war der rote Rand einer gewaltigen Kuppel in der Nebelferne erschienen.