Georg kniete im Bett. Die Hände willenlos zusammenlegend, sah er, ganz nah, die Gewaltige heraufsteigen, die rote, göttliche Riesin, unleuchtend, stumm, ungeheuerlich, unnahbar einsam, so erhob sie das mächtige Haupt und sah in die erschrockene Welt. — Er mußte die Stirn auf den Rahmen des Fensters vor ihm legen, sprachlos, quellenden Herzens.

Als er wieder aufzusehn wagte, war es Tag. Die Ebene hatte sich mit ziehenden Schwaden von Nebel bedeckt, die sichtbar über die glühende rote Scheibe wogten, die jetzt an einzelnen Stellen golden zu brennen begann. Von hundert Orten umher zwitscherte es nun und zirpte, in den Lüften flog Gold, ah und wie schwer hing alles Laubwerk und blitzte vom Guß des Gewitters! Schon entstieg zarter Dampf, kleine, weiße Rauchsäulen erhoben sich schwebend über der Wasserfläche, alles leuchtete und ließ sich besonnen.

Georg sprang aus dem Bett, öffnete die merkwürdige Luke am Boden, die Cordelia für ihn hatte machen lassen, und stieg die Leitertreppe hinunter ins Badezimmer.

Von dort erfrischt und sauber zurückgekehrt, kleidete er sich eilig in ein wunderbares Hemd von gelber Rohseide mit offenem Halskragen, weiche, vom Ledergurt gehaltene Flanellbeinkleider, Strümpfe von der Hemdfarbe, und schlich, die braunen Schuh in der Hand, die noch dunkle Treppe hinunter ins Freie, dann an der Hinterseite des Hauses, so leise er konnte, an Cordelias offenen Fenstern vorbei über den Kies — ah wie die Rosen dufteten am Rande! — setzte sich auf die Treppe oben und zog seine Schuhe an. Langsam schlenderte er darauf von Stufe zu Stufe, tauchte die Hand in den tropfenbesäten Hügel der weißen Aspiräen und lächelte, den ganzen Blumenflor überschauend, von dessen tausend Namen er jeden Tag ein paar hatte lernen müssen, — nun war alles längst unrettbar durcheinander in ihm. Das da hinten an der Böschung war Schleierkraut, aber wie hieß es lateinisch? Und daneben die brennende Liebe? Lychnis — ja, Lychnis chalzedonia und mit robusta noch etwas ... Volksversammlungen der handtellergroßen Margueriten blickten nach ihm hin, merkwürdig, wie die Menschen auf alten Bildern. Leucanthemum maximum — das war der Name. Georg balancierte behutsam auf dem Mauerstreifen um das Becken zwischen Trollius und Schwertlilien. Die ansteigende Wiesenböschung zu seiner Rechten war mit prangenden gelben und blauen Farben bedeckt, große Beete des Phlox, blaue, rote, weiße Blüten flammten oben, und dort standen, regungslos, die kostbaren, die Königskerzen, ganze Bäume mit aufstrebenden Ästen, mit den scheibenartigen Blüten, isabellengelb, zartlila und goldenblaß, — wie hießen sie? Delfinum — ah nein, das war ja der erstaunliche Edelrittersporn, drüben von der andern Seite flammten die großen schwarzblauen Blüten, Delfinum hybridum — ists richtig, Cordelia? Die Königskerze aber hieß — hieß — Verbascum, jawohl, Verbascum vernale, ein glänzender Name! — Es war ein Paradiesgarten und sie der Gärtnerengel darin!

Georg rauschte im Vorjahrlaub die kleine Böschung durch das Birkenwäldchen hinunter und glitt unten ins schon trockne und sonnenwarme Gras, wo er die Aussicht über die ganze grüne Ebene frei hatte, über die Landstraße, Haidestreifen, kleine Birken- und Tannenschläge — ins Unendliche hinein, über dem die goldene, brennend brodelnde Sonne kochte im Wolkenlosen.

Sanft ist sie, dachte er, auf den Rücken gestreckt, ins Blaue nach oben schauend, sanft wie die Sonne am Morgen und doch feurig. Das ist das Wundervolle an ihr. Alle schönen Frauen müßten so sein, so — sanft; nicht weich, hülflos, ohne Feste, sondern im Gegenteil — fest, aber zart, glühend innen, seelenvoll ...

Sanft halt, würde sie selber gesagt haben.

Georg setzte sich auf. Die Grashalme neben ihm verschwammen vor seinen Augen, so bedrängte, fast angstvoll, ihn ein unsinniges Glücksempfinden. Nun bist du ja gesund, Georg, murmelte er, und glücklich. Sag dirs, Georg, daß du’s weißt, daß du’s behältst und nicht vergißt: glücklich, ganz glücklich, und wenn du dich fragst, wem dankst du all dies, Gesundheit, Freude, Arbeitskraft, Unermüdlichkeit —, alles, alles, dem seltsamen, dem erstaunlichen Wesen, das dich in Liebe hüllt, wie — wie ...

Sich zurückwerfend wieder, die Augen schließend, fühlte er sich umschlossen von ihr mit einer noch nie so lauteren, so klaren Lust, die ihn von ihr träumen ließ. Er sah sich am Spätnachmittag den Hügel zum Hause hinansteigen, und dann erschien sie schon unter der kleinen Vorhalle, entweder in köstlich phantastischen Kleidern oder meist ruhte nur ihr dunkler, brauner Kopf über der mächtigen Glocke des ärmellosen Mantels von schwarzer schwerer Seide, in dessen weitem Faltenwurf es grünlich und bräunlich glänzte. Dann warf sie ihn auseinander, dann stand sie darunter, eine schlanke, gerundete Leibesform in türkisblauem Trikot, oder in feuerfarbenem, oder an den heißen Tagen in gar keinem marmorweiß, — ach, die Erstaunliche! Und es begann der Abend! begannen die langen Stunden stiller Wanderung im Garten umher, in den zierlichsten oder tiefsinnigsten Gesprächen, denn — oh sie war wandelbar wie die Natur selber durch Tages- und Jahreszeiten, sie blühte morgendlich heiter, sie verschattete sich ernst, sie rauschte, leicht windbewegt, sie konnte gewitterhaft flammen, und lächeln, lächeln immer wieder, und nie erlosch am Grund ihres Wesens die reine Farbe, der tiefe Glanz der Heiterkeit, aus der Zaubervögel ihres Lächelns in immer neuen Flügen, einzeln und scharenweis, Süße und Himmelsinnigkeit herüber trugen. Kam das Abendbrot, so fand es immer wo anders statt, nur bei schlechtem oder kaltem Wetter im kleinen Eßzimmer, sonst auf dem winzigen Viertelkreis des Balkons, auf der Plattform hinterm Hause oder in irgendeinem Dickicht, an der Erde, und Hesekiel mußte rennen und verlor zwanzigmal die Stelle aus dem Gedächtnis. Sie essen zu sehn, war allein die Mahlzeit wert. Sie liebte es, mit aufgestützten Ellenbogen zu sitzen, irgend etwas zwischen den Fingern, Brot, das sie zerbröckelte und das nachher säuberlich aufgescharrt wurde für die Spatzen, plaudernd unaufhörlich, zwischenhinein irgend etwas vertilgend, was kaum gesehen verschwunden war. Oh sie war eine Schauspielerin, natürlich, das wußte er ja, — ach, von denen vielleicht eine, die im Leben alles und doch nichts Rechtes können auf der Bühne, weil es ihrem Können — vielleicht am Letzten — vielleicht nur an einem Tropfen richtigen Theaterbluts fehlt, an der Wonne zu verkörpern, Fremdes darzustellen vor fremden Augen; sie haben die Gabe, sich zu steigern, alles aus sich zutage zu fördern, aber sie können sich nicht zu anderm vervielfältigen und bleiben stets sie selber. Immer spielte sie ja, aber es war doch so, daß diese Kunst ihr nur dienen durfte, Vorhandenes vollkommen zu gestalten, ohne leeres Spiel zu sein, sondern Feuer nur und Schwung im treibenden Rade des Herzens. Ihre Einfälle waren unzählbar, sie schien sich geladen zu haben tagsüber mit Schnurren und Geschichten wie der vom Sternezahl, sie holte eine Anekdote aus der Gießkanne und Legenden aus Bäumen und Sternen. Dann kamen die Abende, in denen langsam die Liebesstunde sich vorbereitete, in denen, je dunkler die Stunde, ihr Herz und ihr befeuerter Geist um so höheres Leuchten begannen, und sie schöpfte das Füllhorn ihrer Brust aus nach Weisheit und Gedichten aller Zeiten und Sprachen, bis es stiller und stiller wurde, bis zuletzt immer der gleiche Augenblick da war, in dem sie, dastehend allein, den Mantel von sich gleiten ließ, ernst wie ein Gebilde ...

Die Nächte, oh diese Nächte! Den seltsamen Marmor ihrer Brust mit tausend Küssen immer wieder zum Glühen zu bringen — welch unerschöpfliche Wonne! Dann war sie miteins zur lohen Fackel geworden, und sie — oh sie umtanzte seinen Leib mit flammendem Reigen ihrer Liebkosungen und Umschlingungen, bis —