Georg setzte sich trunken auf, blinzelte geblendet, von innen und außen glühend erhitzt, in das sprühende Gold und versuchte, inständig zu denken: Hab ich nicht einmal behauptet, man liebte nicht im Augenblick der Liebe? — Ist das wahr? Sie — ich liebe sie vielleicht nicht einmal, nicht mit ganzem Dasein jedenfalls, oh — es ist ja gleichgültig, aber doch — ich fühlte Liebe zu ihr auch in der äußersten Verzückung; und wenn ich nun wahrhaftig liebte, müßte es nicht geschehn, daß es aus der seelischen Glut auch in die leibliche Flamme überströmte zu tieferem Lodern?

Er sank wieder zurück und lächelte. Arme Seele, ich liebe dich wahrhaftig, so sehr ich kann, und ich bin dir dankbar, oh dankbar! Du Verzaubernde! — Die Abendfahrten über Land fielen ihm ein, im Automobil, wo es immer paradiesische Entdeckungen gab, Stücke Landschaft, Haidhügel mit Wacholder, ein namenloses Dorf, zu dem sie Geschichten erfand, und wars nur eine trübsinnige Henne in einer schmutzigen Kate, — und wie sie mit den Menschen hantierte, mit einer Herzlichkeit und Frische, die den härtesten Bauernschädel knackte, jeden Augenblick Miene und Sprache wechselnd, aus dem Hochdeutschen ins Oberbayrische fallend oder in ihren Mischmasch aus beidem ... Ihm lachte das Herz, als ihm der blinde Leierkastenmann mit seiner schwarzen Brille, der Orgel auf dem Rücken, ins Gedächtnis kam, der sich am Straßengraben hinstocherte mit seinem schmierigen Spitz und nun aufgeladen wurde in den königlichen Rücksitz allein, und wie sich dann weiß Gott wie herausstellte, daß der Kerl sah! Herr du meines Lebens, das Ungewitter! Wie sie im Sitz neben mir kniete, im flatternden Haar wie ein Windgott, und über die Brüstung mit geballten Fäusten auf die Kanaille im Rücksitz loswetterte, und ich davonraste und plötzlich anhielt, und sie über die Lehne weg wie ein Pardel, und der Kerl aus dem Wagen wie der exorzisierte Satan. — Gott im Himmel, Georg, wann wirst du jemals wieder so glücklich sein!

Er sprang auf und blickte auf die Uhr. Es war schon dreiviertel sechs, Zeit zum Frühstück. Um sechs saß er doch sonst immer an der Arbeit. Wieviel Stunden Ferienkurs waren heut? Zwei wie meist, dann noch zwei Stunden Arbeit von zehn bis zwölf, dann Schlaf, Essen und wieder Arbeit bis Zwölf oder Elf. Jeden Tag beisammen zu sein, verbot das Gesetz der Liebe ...

Noch ein mal sich reckend, die Arme mit geballten Fäusten ausstoßend und sich dehnend, daß es krachte, klomm er die Böschung wieder hinan, ein wenig beschwert in der Brust, denn — sagte er sich — kann man ein solches Kleinod jemals aus den Händen lassen? Eine Prinzessin von solcher Art wie diese halbe Kroatin aus Oberbayern gab es freilich nicht, welch ein Jammer!

Aber Renate. Renate mußte — bei aller Hoheit gegen Fremde — ihr doch ähnlich sein, wenn — wenn sie liebte. Nun, Renate — es machte Schwierigkeit, an sie zu denken in dieser glorreichen Epoche seines Lebens. Jedenfalls aber — — noch ein halbes Jahr vielleicht, dann kam — der Vertrag, kamen tausend, kam die eine Pflicht; kam auch Renate, das stand fest.

Auf der Plattform hinter dem Hause angelangt, hörte Georg bereits das Badewasser im Innern rauschen und entglitt freudig dem geistigen Labyrinth. Hesekiel erschien, den Frühstückstisch vor den Leib geklemmt, und Georg half ihm, ihn zur Plattform zu tragen, was den Guten äußerst verwirrte und zu tausend Segnungen bewog, worauf Georg die kleine Diele im Innern betrat, an der Tür des Badezimmers klopfte und den Kopf durch den Spalt steckte. Natürlich, der Raum war undurchsichtig von Wasserdampf, Cordelias Kopf war kaum zu sehn über der eingelassenen Wanne im Boden, und Georg unterließ nicht, ihr zum hundertsten Male bedeutende Vorhaltungen zu machen.

„Ja, was willst denn überhaupt? Zu seiner Zeit a jeds, hörst, das ist überhaupt unschicklich, da herein zu kommen! Geh, Georg, sei stad, ich komm gleich!“

„Ja, ich geh ja schon! Übrigens, was ich sagen wollte: ich hab den Vers jetzt!“

„Na?“

„Es heißt: Gramvoll — nein! Zornvoll, gramesvoll ward vom Donner der Wogen der Kühne.“