Sie schlug die Hände überm Kopf zusammen. „Ach, Georg, was bist du für ein Klabautermann! Zornvoll, gramesvoll ward —“ sie bauschte die Worte im Munde — „ja, und wie heißt es im Griechischen? — Viel — im Meer — litt er Schmerzen im Gemüt — die allersimpelsten Worte, — geh, mach, daß d’ weiter kimmst mit dein’ Bombast, mit dein’ Donner der Wogen!“

Georg klappte die Tür zu vor einem triefend nassen Badeschwamm, der herüberflog, und stieg in äußerster Kümmernis über seine Dummheit ins kleine Wohnzimmer hinauf, wo ihm in der Ecke des Sofas alsbald glückselig die Augen zufielen.

Achtes Kapitel: September

Regen

Georg verlor an einem Regennachmittag im September die Lust an der Arbeit so gänzlich über dem Verlangen, in den Regen hineinzugehn, daß er, kaum gedacht, in festen Schuhen, Gummimantel und Mütze vor der Türe stand, mit weitoffenen Nüstern die kalte, frische Feuchte der Luft in die Lungen ziehend.

Wundervoll war die Leere des verschleierten Parks. Georg ging; der Regen fiel mit fast lieblicher, mit liebkosender Leichte, hinwehend über die Lichtungen der Wiesen, hingebungsvoll sich mitunter ganz in Seele, in nebelnde Feuchte auflösend, in Schleiern sich einsenkend in die ruhig duldenden Wipfel. Die aufgeweichten Wege schienen noch nie betreten. Noch war alles Laub tiefgrün, hier und da zart gelb gesprenkelt; nur wo Nußbäume standen, leuchtete das nasse Gelb. Die Gruppen der Bäume und Gebüsche, von der Regenumschlingung zusammengeschlossen, schienen schöner aufgeteilt. Gleichmäßig rieselte die Stille mit dem Säuseln der Feuchte; alles bewahrte Ruh im Empfangen der Erquickung.

In linden Gedanken sich selber umschweifend, gelangte Georg an den grauen, dampfenden Spiegel des Teichs, an die Bank, wo vor langem Sigurd den Kaddosch gesprochen. Esther, kleine Esther — was war aus ihr geworden am Grunde der großen Wasser? — Ein Regentag, gewaltsamer als dieser, wars, da kamen die Beiden herein, triefend und lustig, und es gab Verkleidungen und Gelächter.

Matt, sehr verblaßt glänzten die Farben der Erinnerung durch den Nebelregen der Jahre.

Ist es nicht doch besser geworden? dachte Georg; und ernster? ‚Ein guter Geist hält über mir die Wage ...‘ Ich weiß noch: hier saß ich, wie ich Balto-Borusse geworden war, und fragte mich, welches Gewicht einmal dies Erlebnis haben würde. Um richtig wägen zu können, dürfte wohl noch nicht genügend Zeit verstrichen sein, aber ich denke doch: über die letzten Folgen bin ich hinaus. Ein leichter Herzfehler, Meidung alkoholischer Getränke, die Erinnerung an Tozzi, an Schwalbe —, das ist wohl alles, soweit ich sehe, und nicht eben viel.

Georg wanderte weiter in einer plötzlichen Sehnsucht nach seinem Vater. — Ich könnte doch eigentlich viel mehr von ihm haben, stellte er fest, und deshalb ist es doch schade, daß er nie schreibt. Nein, für Gedankenaustausch ist er nicht zu haben — gesetzt, ich hätte was zu tauschen —; sein Leben beschränkt sich auf Leistung. — Überdem fiel ihm eine Andeutung aus Magdas letztem Brief ein, als ob sein Vater es wieder mit dem Gehen versuchte; er hielt das wohl geheim oder ließ merken, daß es unbeachtet bleiben sollte, solange kein Erfolg sich zeigte. Sonderbarer Mensch, der er doch war! Sollte er wirklich der kranken Frau wegen sich freiwillig diese Fessel an den Fuß gelegt haben? Und weshalb wollte er nun los? Freilich war er jünger, als man seine Väter sich so denkt, drei-, vierundvierzig, und konnte noch bald ebensoviel vor sich haben ...