Georg war im weiten Bogen zum Ende der Lindenalleen gelangt und ertappte sich in der Richtung zu Cordelias Hause. Auf die Uhr blickend, fand er, daß sieben nahe bevorstand. Vielleicht war sie da, — sie pflegte ja allabendlich die Blumenstöcke zu gießen und den Vasenblumen frisches Wasser zu geben. Und wenn sie nicht kam, — konnte es nicht einmal ganz schön sein, ohne sie in ihrem Duftkreis zu weilen?
Alsbald, die stille Alleestraße zwischen Gärten und Landhäusern bergan geschlendert, öffnete Georg das Gittertor und stieg den gewundenen Weg hinan zum Hause, das nun ganz in einen Kranz von Dahlien eingefaßt war, schwarzroten, eigelben, weißen und feuerfarbenen, alle Häupter übersät mit metallblanken Tropfen. Unter der Vorhalle aber saß, ganz still und so vertieft, daß er nichts umher sah noch hörte, ein kleines Buch vor den Augen, Hesekiel. Auf Georgs Anruf kehrte er erschrocken in sich selbst zurück, dienerte heftig und lief herbei, wehmutvollen Mundes, aber heiterer Augen. Georg fragte, was er denn lese; er brachte das Buch, ein Neues Testament.
Ob er denn auch verstünde, was er lese.
„Gnä Frau hat mirs angestrichen, was i lesen derf. Sehr schön is, sehr schöne Sprüch.“
Richtig fand Georg hier und da ein paar Zeilen, einen Absatz dick mit Bleistift eingerahmt. „I solls auswendig lernen,“ erklärte Hesekiel diensteifrig, „sie hört mirs dann ab.“
„Na dann sag mir doch auch mal einen Vers! Einen, den du gern hast, — oder vielleicht die gnädige Frau ...“
Hesekiel zog die Stirn in Falten, schwer sich besinnend. „Es sind halt so viele“, äußerte er bedenklich, fing aber im nächsten Augenblick an zu sprechen und brachte stotternd, aber ganz richtig zusammen:
„Unser keiner lebt ihm selber, und unser keiner stirbt ihm selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn, darum wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn, den Spruch hat gnä Frau so schön gefunden.“
„Sehr schön, Hesekiel!“ Er lächelte mühselig. „Verstehst du’s denn auch?“
„I woaß net so gnau. I denk mir schon was. Mir san katholisch, mir zwa“, erklärte er plötzlich.