„Ah, du und die gnädige Frau?“
„Ja, mir san katholisch.“
Georg wußte nun nichts mehr, gab dem armen Teufel sein Buch wieder und ging ins Haus.
Sanft grüßend empfing ihn das kleine Wohnzimmer, dämmrig, enger als sonst. Georg trat ans Fenster, und ihm kam, da er jenseit des ums Haus führenden Kiesweges große Sonnenblumen stehen sah, die Häupter gesenkt, schwer von Regenperlen, — wieder Magdas Brief ins Gedächtnis: er hatte so in Tränen gestanden, so gebeugt in Wehmut um die Gestorbene. — Georg hatte ihr gesagt, unfähig falscher Gefühle zu scheinen vor ihr, daß ihm keine Mutter gestorben war, und dies hatte ihren Schmerz fast vertieft.
Unser keiner lebt ihm selber, und unser keiner stirbt ihm selber ... Georg fand, daß er die ganze Stelle im Gedächtnis behalten hatte, so hing eines im andern. — Leben wir, so leben wir dem Herrn ... Auch in diesen Worten war eine Erinnerung an Magdas sanfte Gestalt. — Darum wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. — Es klang sehr tröstlich; klang nach Händen, die nichts entgleiten lassen.
Georg hatte Lust, ihren Brief zu beantworten; nicht zu beantworten, — was gäbe es zu antworten auf Schmerz? — aber zu schreiben. Allein wie anfangen?
Jetzt, vor dem Sekretär sitzend, gewahrte Georg sich selber zur Linken hinter dem bläulichen Glasschleier des Spiegels, ein wenig sonderbar nicht nur durch die prunkvolle Umrahmung von Leisten und Gespiegeltem, den Kerzen und der mattblauen Vase, die heute dort stand, den Rand überhängt von gelben Rosenköpfen, sondern durch die Verschleierung vor allem, die ihn sich selber wie in einem andern Zimmer erscheinen ließ, dasitzend einsam, ohne Stunde, ohne Zeit, nicht vergehend. So einsam also sieht man immer aus, wenn man allein ist, dachte er. Es war beklemmend hinzusehn, er wollte sich schon wegwenden, entdeckte jedoch nun in seinen, übrigens wie immer scheinenden Zügen etwas Neues, eine kleine, neben dem linken Mundwinkel eingegrabene Falte, deren Herkunft er nicht begriff, bis er, unbemerkt den Mund verziehend, spürte, daß diese Mundbewegung etwas wie — Verachtung ausdrückte. — Dazu, sagte er, entschlossen sich abwendend, scheint mir denn doch wenig Ursache. — Es sei denn Verachtung deiner selbst, fuhr eine andre Stimme in ihm fort, die er indes überhörte, in Cordelias Schreibmappe nach Briefpapier suchend.
Er fand aber zuerst einen Brief mit seiner Adresse von ihrer Hand darauf, schön, groß, rund, klar in Lateinschrift geschrieben, drehte ihn herum — er war offen —, dachte, es sei vermutlich solch einer, wie er ab und zu bekommen hatte, sei’s weil sie ihm einmal absagen mußte, sei’s aus keinem triftigeren Grunde als dem, ein Zeichen zu senden, einen zärtlichen Gedanken, einen kleinen Vers, — und richtig, als er den Bogen erwartungsvoll herauszog und entfaltete, las er Verse:
O komme, Geliebter, es freun sich die Fluren,
Der Storch und der Star und verwandte Naturen.