Weiß schimmern die Birken auf grünender Trift,
Da ich schreib in die Rinde mit brennendem Stift:
O komme, Geliebter, zu festlichen Stunden,
Wir wollen uns tränken, wir wollen uns munden!
Die arme Seele.
Nun da bin ich ja! freute sich Georg, aber wo bleibst du? — Wie lieblich sie das wieder zusammengeleimt hatte, gar nicht empfindsam, klein und frisch wie ein Veilchenstrauß! Sie war ein Juwel.
Aber er wollte doch an Magda schreiben, und damit ließ sich nicht anfangen. Indem geriet ihm, als er mit einem verlorenen Blick hinter sich die Bücherregale streifte, die im Eck neben dem Sofa zusammenstießen, Irene in den Sinn, nach der Magda gefragt und die er gestern wieder einmal mit einem Detektivroman im Arbeitskorb gefunden hatte. Und im selben Augenblick hatte er eine so schöne Hohnrede über sie, mit soviel aparten und glatten Wendungen im Kopf, daß er hastig ein paar frische Bogen aus der Mappe fingerte, seinen Halter zog und zu schreiben begann.
Liebe Magda:
Dies also, dies ist Irene Herzbruch! Dein Wunsch, von ihr zu hören, umarmt den meinen, von ihr zu reden. Gut, fangen wir an, liefern wir eine Beschreibung.
Daß sie mit ihrem Mann vor ein paar Monaten ihre Langenhagener Sommerwohnung bezogen hat, weißt Du, vermutlich auch, daß sie diese Wohnung — eine Photographie bekommst Du — mit Herzbruchs Schwester, Dora Vehm und deren Mann teilen. Nachdem ich dreimal ganze und halbe Tage draußen gewesen bin, habe ich die Männer übrigens noch kaum zu Gesicht bekommen. Dr. V. hat seine Praxis und Sprechstunden in der Stadt, H. dito seinen Verlag. Dora Vehms erinnerst Du Dich vielleicht von Irenens Hochzeit: prachtvoll anzusehn, mit dunkler Haut, schwarzem Haar, schwarzen, glänzenden Augen und einer schönen, sicheren und freien Haltung. Die Stimme manchmal etwas schrill, zum Beispiel, wenn sie sagt: Nein, das ist ja rasend komisch! — (N. b. daß sich doch alle Frauen im gesellschaftlichen Umgang solche Übertriebenheitsworte angewöhnen müssen, wie rasend, oder himmlisch oder reizend.) Diese tüchtige Frau ist Urheberin einer Volksspeiseanstalt, wo Arbeiter und Frauen für 40 oder 50 Pfennige ein nahrhaftes Mittagbrot bekommen, und diese Anstalt leitet sie ganz allein, teilt sogar nicht unhäufig selber das Essen aus; ferner ist sie Vorsitzende irgendeines Frauenvereins; ferner leitet sie ihren Haushalt; ferner hat sie Freunde, denen sie lange Briefe schreibt; ferner singt sie, und gar nicht schlecht; ferner geht sie in viele Konzerte, Theater, Vorträge, Vorlesungen; ferner ist sie in der schönen Literatur verblüffend bewandert, und auf ihrem Tisch liegen Knoop, Kierkegaard, Hamsun und die Geschichte des Dr. Bürgers von Hans Carossa; und schließlich hat sie zwei entzückende Kinder von drei und fünf Jahren, Knaben und Mädchen, mit denen sie, ungelogen, niemals weniger als eine volle Hälfte des Tages zusammen ist. Da soll einer sich ein Beispiel nehmen. Und nicht etwa, daß dieses Ganze ein verfitzter Rattenkönig oder Schlangenballen wäre, aus dem all diese unterschiedlichen Verrichtungen mal dieses mal jenes Haupt züngelten, um was zu verschlucken, sondern ohne Unrast, ohne Fahrigkeit, auf einer einzigen, sanft und ebenen Linie rollt ein solcher Tageslauf einer solchen Frau ab, sie ist heiter, gelassen und fröhlich, und hat immer, immer noch für ein Dreizehntes Zeit in der zwölften Stunde.