Ach so, ich wollte von Irene schreiben. Du merkst, daß ich diese Frau anbete und verehre. Von dem Denkmal, das ich ihr in meinem Herzen gesetzt habe, war dies eben ein freilich sehr kümmerlicher Abdruck. Ein Hurra allen wackeren Frauen, würde Bernhard Kellermann sagen. Also nun Irene.

Als ich das erstemal zu ihr kam, — ja, also das Haus siehst du sehr schön auf einem Hügel liegen, der von der Chaussee langsam flach ansteigt: zu unterst sind Gemüsefelder, dann kommt ein Blumengarten — alles noch neu und sehr spärlich, zumal um diese Jahreszeit, dann Wiesen mit dem Haus in der Mitte; die rückwärtige Seite ist mit der ‚Hecke‘ bewachsen, wie man das hier nennt, das heißt also Buschwerk und Unterholz, Haselstauden, Eschen, Weiden, auch Tannengestrüpp, ein wahres Dickicht, Wassertümpel und zuletzt ein kleiner, abgenutzter Steinbruch. Ja, also da fand ich Irene, ihrer Stimme folgend, die von weither gellend hörbar war: Sie! Sie haben ja ihren Fusel noch dick in den Augen! Was Sie sind? Sie sind weiter gar nichts als ein besoffenes Schwein, wissen Sie das? Gehn Sie mal nach Hause und schlafen Ihren Rausch aus — und so weiter. Ja, da stand sie breitbeinig im Bohnenbeet, einen Spaten schwingend, aber der so beschimpfte Gärtner war wirklich äußerst betrunken und gerade dabei, tätlich zu werden. Ein andermal fand ich sie mittags auf dem Rasen im Dickicht mit einem Roman von Skowronnek. Und das drittemal trug sie mit der Forke von einem kleinen Handwagen den Kompost und verteilte ihn über die Melonenbeete.

Dies wäre Irene? Freilich, freilich! Und was wäre viel dagegen zu sagen, wenn nicht — ja, wie soll ich das beschreiben?

Sieh mal, wenn die Frau eines Rittergutspächters, dessen Dasein reineweg von seinen Äckern, Beeten und Ställen abhängt, sich so gehabte, da wäre das trefflich, obzwar auch dann noch zu fragen wäre, ob hierzu der Weg über ein Kloster vonnöten gewesen wäre. Was ist alte, älteste männliche Forderung an eine Frau? Daß sie das Notwendige mit Anmut tue. Was heißt Anmut? Eben jene Leichtigkeit und Gelassenheit der Gebärde, jene Unscheinbarkeit, ja Unsichtbarkeit des Tuns, jenes Darüberschwebende des Ganges, so daß von allem Kräfteaufwand nichts eigentlich vor andern Augen erscheint, als der Überschuß und die Freiheit zu andern Dingen, eben jene Anmut Dora Vehms, welche genau die des Trapezkünstlers ist, der nach jeder Vorführung, ein Lächeln auf den Lippen und mit ausgebreiteten Armen vortänzelnd, dem Zuschauer vorzuspiegeln hat, daß seine Leistung Kinderspiel sei, abgetan zwischen zwei kleinen Atemzügen. Sie aber geht in diesen Dingen bis zur Selbstvernichtung auf. Wenn sie morgens früh um fünfe ihre Hühner füttern muß, so schläft sie natürlich Glock neune ein. All dies, um im Winter selbst eingeweckten Spargel und selber eingekochtes Pflaumenmus essen zu können. „Und das Ganze“, hören wir meinen Vater sagen, „ist denn wie an die Wand —, usw.“ Langsam umnachtet sich ihr Geist. Bücher liest sie keine, außer den oben angezeigten. Für derbe Worte und Redensarten hatte sie immer eine Vorliebe; Rhinozeros ist ihr Lieblingswort, das sie ja freilich am fröhlichsten an sich selber verschwendet. Siehe sie dastehn: in einem lachsfarbenen Morgenrock, Rüschen an Hals und Ärmeln wie immer, mit ihren sanft und länglich gerundeten Hüften — noch sind sie’s — tausend goldne Lockenwirbel ums krebsrote Gesicht, indem sie sich mit dem Zeigefinger vor die Stirn tippt und sagt: Ich Rhinozeros!

Schließlich weiß man ja nicht, wie lange sie’s treiben wird. Ferner ist auch die Abwesenheit ihres Mannes in Erwägung zu ziehn, aber wiederum — die sozialwissenschaftliche Hauptabteilung seines Verlags, und die neue Zeitschrift gleichen Charakters, die er jetzt zu gründen im Begriff ist, könnten ihr genug Gelegenheit bieten, mit ihm zusammen ein gemeinsames Leben ernster und würdiger, wirkender und fortwirkender Tätigkeit zu führen, anstatt daß sie sich Sommers abrackert, um Winters essen zu können. Sauwohl fühlte sie sich, sagt sie, und überhaupt sei dies die wahre Bestimmung des Menschen, zu essen und zu trinken und dafür zu sorgen, daß man zu essen und zu trinken habe. Ihre Geige, wenn du danach fragen solltest, ist seit Monaten vergessen. Gewiß: Bau und Einrichtung von Haus und Garten mußte sie so ziemlich allein bewerkstelligen, und es ist ja auch reizend geworden, aber wozu? Sie wohnt ja nicht, sie hat ja immer bloß zu tun. Ihre Kleider sind entzückend, sie macht sie selbst, Renate auch, aber ich habe Renate nie am Schneidertisch gesehn.

Ja, wären nicht die Kinder — du weißt, ich liebe Kinder — und Dora Vehm, so würde ich diesen Verkehr vermutlich aufgeben. Manchmal ist ja auch H. abends anwesend, und auch der Doktor ist ein feiner, freilich sehr stiller, in sich gekehrter Mensch, aber da braucht man nur irgendeine Sache unterm Himmel zu berühren, so giebt es ein schönes, ernstes Gespräch, man fühlt einen feinen Keim in die Brust fallen, und die Stunde war nicht umsonst.

Ehrlich, Magda: Im Gastbuch unseres Korps fand ich die folgenden, sonderbaren Verse meines Papas, soviel ich weiß die einzigen, die er je gemacht hat, frei nach Storm:

Habe niemals eine Meinung!

Innerstes bleibt stets verborgen.

Was am Nachbarn du bedauerst,