Tust du heute, tust du morgen.

So würde ich mir auch nicht diese Meinungsäußerung über die gute Irene erlaubt haben, wenn ich nicht selber während der Trassenberger Monate ernstlich an mir selber gefeilt und mich besonnen hätte, was ich war, und wer ich sein soll. Ich habe auch ganz tüchtig gearbeitet, denn das abgebrochene Altenrepener Semester drückte kräftig genug, und wenn auch Greifbares nur wenig dabei herausgekommen sein mag — ein Überblick, flüchtig genug, über das gesamte, über dies ungeheuerlich horrende Besitz- und Arbeitsfeld Papas — so habe ich doch Arbeitslust und Zukunftseifer in reichlichem Maße davongetragen. Froh bin ich dabei — darf ich das einmal sagen? — daß Du, immer Gütige und Verstehende, meinem Wege treu geblieben bist, und mit mir hoffst, und mit mir vertraust. Denn das tust Du doch, nicht wahr? Deine Briefe taten mir so wohl! Wirst Du nicht bald einmal wieder nach A. kommen, damit ich Dich singen hören kann? Oder ist die Stimme noch immer nicht so weit? Nein, nein, rede mir Du in deiner Bescheidenheit das nicht aus: Dein Gesang ist besser als Irenens Einmachegläser. Weiland Josef Montfort schenkte mir einmal — der Großmütige! — ein Wort; es ist von Salomo und lautet: Erhalte dir dein Herz, denn aus ihm kommt das Leben. Aus dem Herzen kommt Deine Stimme, aus einem allwissenden Herzen, Magda, ich muß es sagen, und ist Leben und muß Leben wirken.

Irene hat ihr Herz eingeweckt; möge sie sich im Winter ihres Mißvergnügens daran laben. —

Georg hielt inne. Der Nachsatz, fand er, hatte den Abschluß verdorben; nun konnte er so nicht enden, und ein Übergang war schwer zu finden. Auch schien ihm noch etwas zu fehlen, ja, die Hauptsache war mit den wenigen Worten gegen Ende doch noch nicht ausgesagt, sein dankbares Gefühl für sie und ...

Er stand auf, trat ans Fenster, merkte, daß der Regen stärker niederrauschte, und schloß es. Sogleich dämpfte sich der Lärm, aber Georg gewahrte auch, daß es dunkler geworden war mittlerweil, er mußte zum Ende kommen. Da verschleierte sich der Raum langsam vor seinen Augen, er sah noch vom Sofatisch her etwas Rotes dunkel glimmen, das Rubinglas, das er einmal mitgebracht hatte. Es quoll undeutlich in ihm, er sah wieder den für Magda bestimmten Brief liegen, setzte sich davor und schrieb:

Ich mußte eben die Feder hinlegen und lange am Fenster stehn. Es ist dämmrig, der Regen schlägt an die Scheiben. Esthers Volière fand ich bei Irene, wo ist Esther? — Wie sind wir Alle auseinander gewirbelt! Daß wir immer wohl dies und jenes unternehmen können, aber halten läßt sich nichts davon. Wer hielte sein eigenes Herz, geschweige denn fremde? Unwiderstehlich angezogen treiben wir zu immer neuen Wirbeln hin, und schaurig ist, daß, was am wildesten glühte, am eiligsten erkaltet. Ferne, liebe Freundin, ich weiß nichts von Dir, aber wie den guten, immer gleichen Benno hier — natürlich vergaß ich den Allzubescheidenen zu nennen, als ich eben die Hiergebliebenen zählte — so sehe ich Dich dort: ein Bleibendes im Getümmel, eine sanfte Säule im Kreisen, einen immer steten, leisen, aber in jeder Stille um so geheimnisvoller vernehmbaren Ton, und ich denke: tausend Saiten des aufgeregten Daseins schwirren und rasseln ihr verworrenes und bezauberndes Spiel: eine Saite ruht immer und tönt tagein, tagaus, jahrein, jahraus immer den gleichen, himmlisch einfachen, und o so tröstlichen Klang!

In Dankbarkeit der Deine

Im Begriffe, seinen Namen zu schreiben, hielt Georg ein. — Was ist denn das? sagt er schwer aufatmend, was hast du denn da gemacht? Du hast ja gelogen. An sie hast du nicht gedacht, sondern hast Cordelia empfunden, und das Gefühl nur ein wenig umgewandelt, daß es paßte ...

Aber wenn es paßt, mußte er sich widerlegen, so hats doch seine Gültigkeit irgendwie. Eben war es so, daß ich nicht an Magda denken konnte, wenn ich es aber wirklich tue, ernstlich, so empfinde ich auch, wie ich schrieb, und — ja, und das vor allem wars, was ich empfand: sie wird immer bleiben, immer —

Und Cordelia? Ist es denkbar, je ohne sie zu sein?