„Nein!“ versetzte er gebieterisch. „Bitte nicht, fordre nicht, es ist unmöglich. Du brauchst mir nichts zu sagen. Ich bin nicht erst seit heute in dieser Stadt, ich weiß alles, was sich während meiner Abwesenheit in diesem Hause zugetragen hat, ich weiß auch alles von dir, was sich durch dritte Hand wissen läßt. Vorläufig bleibe ich, ich bedarf etwas Ruhe.“ Er erfaßte ihre Hand, drückte den Zettel hinein und schloß sie darüber. „Willst du Gründe? Ein andermal wird Zeit dafür sein. Immerhin: ein Wort!“ Sein eines Auge starrte bedeutsam, während er schloß: „Erasmus; ich gedenke noch zu leben.“
Er zog die Uhr, hielt sie empor, um das Zifferblatt zu erkennen, und sagte: „Es ist hohe Zeit für dich. Daß du von mir schweigst, halte ich für selbstverständlich; es könnte sonst Unheil geben. Nun genug. Lebe wohl! auf Wiedersehn.“ Er bot ihr die Hand.
Renate erhob sich, legte die Hand auf seine Schulter und sprang von der Schaukel auf die Erde. Nun versuchte sie es noch einmal, richtete durch die Dunkelheit ihre Augen auf das seine und bewegte die Lippen. Angezogen, kam er ganz nahe, legte den Arm um ihre Schulter und, den Mund dicht vor ihrem, sagte er: „Was — —?“
Renate fühlte ihr Blut gerinnen. „Alles —“ sagte sie lautlos; und nach einem Augenblick: „— für deinen Vater.“
Er fuhr zurück, sein Auge starrte wütend, er stieß hervor: „Bist du denn wahnsinnig geworden?“ Drehte sich um und ging in Eile unter den Bäumen weg. Sie sah ihm fassungslos nach. Weiter unterhalb, wo es heller war über den Wiesen, kam noch einmal sein Schatten zum Vorschein. Sie fühlte den Zettel in der Hand, öffnete ihn und las trotz der Dunkelheit leicht das einsame Wort: Jason. — Sie sah etwas Weißes auf der Erde, bückte sich und fand das Paket, das er bei sich gehabt hatte; sein Stock lag darüber. Sie nahm beides und ging langsam in den Garten zurück, in die Kapelle, legte die Sachen auf einen Stuhl, ging hinaus, verschloß die Tür und ging durch den Garten ins Haus.
Vor der Tür des Eßzimmers hörte Renate von drinnen lautes Durcheinandersprechen und Gelächter; sie glaubte Ulrikas Stimme zu hören, legte die Handrücken gegen die Wangen und fühlte, daß sie glühten; die Hände waren eiskalt. Sie trat ein; ja, Ulrika war da, auch Bogner; Alle, Erasmus, Saint-Georges, sein Bruder und Magda saßen bereits essend um den Tisch. Renate blieb an der Tür stehn, klatschte, ihr Zuspätkommen und ihre Erregung zu verbergen, in die Hände und rief lustig: „Ach, sieh, der Maler mit den süffisanten Augen ist wieder da!“ Die Andern lachten, Ulrika rief, sie sollte sich schnell hinsetzen, sie kriegte sonst nichts mehr zu essen, fragte, was das heißen sollte: süffisante Augen, erklärte dann aber erst, daß sie und Bogner im Walde im Kreis gelaufen und wieder hergekommen seien. Nun bestand Bogner auf Erklärung seiner süffisanten Augen, aber Renate, in plötzlicher Mattigkeit, verwies ihn an Saint-Georges. Sie sah eine Tomate auf ihrem Teller, die dampfte, nahm die Gabel, löste den Deckel ab und zwang sich zu essen. Wie dröhnten denn die Stimmen? Selbst die ruhige von Saint-Georges summte bohrend in ihr Gehör.
„Dieser berühmte Maler“, sagte Saint-Georges, „pflegt die Dinge vereinfacht zu sehn, um nicht zu sagen, abstrahierend; er scheidet das Gewohnte aus und sieht, was fehlt, oder aber was da sein könnte, oder was zuviel ist, und was den Andern mißfällt, das gefällt ihm gerade, weil es krumm ist.“
„Ach,“ sagte Bogner heiter, „nun fällt mir ein, daß einmal jemand zu mir sagte, wenn ich ihn ansähe —“
„Bitte,“ unterbrach ihn Saint-Georges, „das hat er sicher nicht gesagt. Er hat gesagt: Wenn Sie einen ansehn — nicht ‚mich‘, nicht wahr? Die Gesellschaft ist ‚man‘, Renate, nicht ‚ich‘, das ist auch ein Eckstein davon.“
Renate sah seine Augen von drüben auf sich gerichtet; es kam ihr vor, als ob er alles wüßte. Sie nickte und senkte das Gesicht. Der Maler fuhr fort: