„Ich sage ja, du sollst mich nicht unterbrechen, denn sonst geraten wir ins Uferlose, ja, ich saß darin wegen einer großen Minensache, es war eine so große Schiebung, daß während des Verfahrens die halbe Welt hineinverstrickt wurde, und da mußte es niedergeschlagen werden. Der Idealist war ein vielfach rückfälliger und bestrafter schwerer Tresoreinbrecher, der mir durch Klopfsprache seine Entrüstung mitteilte, daß er immer wieder bestraft würde, während er doch von einem kleinen Kapital ein bescheidenes und ordentliches Leben und die Einbrüche nur ausführte, um das erlangte Geld sofort an Bedürftige auszuteilen, das heißt, in Wahrheit war er nicht hierüber so entrüstet, sondern weil es nicht gelingen wollte, den Richtern zu beweisen, daß er überhaupt nicht stahl; denn was er stahl, sei ja nicht fort, sondern sei da, er hatte immer die Belege bei der Hand, Reverse der Banken über Einzahlungen auf diesen und jenen Namen — frage nicht, das Geld war den Leuten absolut sicher — also sei es durchaus nicht gestohlen, sondern habe nur den Liegeort gewechselt. Dies war ein Amerikaner. — Den andren Idealisten fand ich auf einem englischen Leuchtturm eines winzigen Eilands, ich darf nicht sagen, wo, irgendwo an der Küste. Er war kein Engländer, galt aber für einen, war ein deutscher, verabschiedeter Offizier und hatte bereits an die dreißig Jahre seines Lebens in dieser Einöde damit verbracht, auf den Augenblick zu warten, wo zwischen Deutschland und England der Krieg ausbrechen würde, um alsdann seine Lichter auszupusten und gehängt zu werden. Nun möchtest du wohl wissen, was ich und wo ich noch war. Die Vereinigten Staaten sind das Grauenhafteste auf der ganzen Welt, ich war auch im Westen, war Minengräber, Goldwäscher und Viehhirt, es war für eine Weile ganz lustig, aber ich konnte es auf die Dauer nicht ertragen, wie sie ihre Pferde mißhandeln.“
Da er eine Pause machte, fragte Renate, nichts als zuhörend: „Aber das Mißhandeln von Menschen, das konntest du —?“
„Denn der Mensch“, sagte er, „kann sich wehren, das Tier nicht. Das Tier kann beißen und ausschlagen, aber das hilft ihm nichts, denn es muß dableiben; der Mensch kann weggehn. Er geht in ein andres Land oder geht aus dem Leben. Das Tier kann nicht aus dem Leben, wie es nicht aus seiner Haut kann. Ferner war ich Agent. Agenturen giebt es für alles, zumal in Amerika. Agenturen für Politik, für Minen, für Geldgeschäfte, für Doktordiplome, für Mädchenhandel, für Bestechung, Spionage, An- und Verkauf deutschen Adels an reiche Mädchen, für Schmuggel, Gründungen und für Mord. Einige werde ich wohl ausgelassen haben. In Colorado Springs war ich auch Falschspieler, du weißt, ich kann die Karten nicht leiden, aber Falschspiel ist reizend, solange man sich einbilden kann, der einzige am Tisch zu sein, der betrügt, und das gelingt ja wohl eine Weile. Dort wars, wo ich mein Gesicht verlor, es stahl natürlich eine Frau, beschreiben möchte ich es dir lieber nicht. Ich habe ja auf Frauen immer eine gewisse Anziehungskraft ausgeübt; dort, wo man weniger empfindet und denkt, sondern gemeinhin tut, was man empfindet oder denkt, war es fast unerträglich, und so war ich nicht sehr böse über den Verlust; leider stellte sich dann heraus, daß die Halbierung die Anziehungskraft nicht unbedeutend gesteigert hatte. Ach, Kind,“ unterbrach er sich, „ist es nicht genug? Ich könnte niemals fort gewesen sein und das gleiche erzählen, du würdest nicht besser wissen, ob du mir trauen darfst oder nicht.“
Er sah trübe zu ihr auf. Renate dachte gelähmten Herzens nur: Josef — und lügen, um sich einen Hintergrund zu geben? — „Aber ich habe dir Grüße auszurichten“, sagte er nun. „Ein gewisser Sigurd Birnbaum, weiland Cellospieler Renates, trug sie mir auf, mit dem ich gewisse Operationen auszuführen hatte, um einen gewissen Geheimbundsfreund in Tscheliabinsk aus der Katorga zu befrein.“
„Mein Gott, Sigurd,“ sagte Renate, „was ist aus ihm geworden?“
„Dort,“ erklärte Josef sehr ernst, indem er sich langsam erhob, „dort giebt es Idealisten. Aus Frankreich — es lebt sich dort angenehm, wenn man es versteht, für einen Franzosen gehalten zu werden, jedoch — aber das führt zu weit — jedenfalls kam ich von dort nach Russland und schloß mich der revolutionären Bewegung an. Dort verbrodeln die Menschen freiwillig und mit Gesang. Ich will dir etwas erzählen.“
Er setzte sich wieder hin. Was wird nur Onkel sagen? dachte Renate. Wird er ihn erkennen? Sie merkte, daß sie zitterte. Sie begann sich zu fürchten und hörte Josefs Stimme aus der Ferne, die langsam Satz um Satz hinsagte.
„Ein jüdischer Knabe war vierzehn Jahre alt, als er seine Eltern und deren ganzes, sehr großes Vermögen durch ein Pogrom verlor. Er ernährte sich selber, besuchte das Gymnasium weiter und wollte Apotheker studieren. Mit sechzehn Jahren wurde er bei einer Massendemonstration verhaftet, in Bausch und Bogen mit verurteilt und kam ins Gefängnis. Dort wurde er mit den sozialistischen Ideen bekannt, eignete sich das theoretische Wissen an und verließ das Gefängnis als Sozialist. Er verdiente Geld durch Unterricht, studierte, erreichte in der Bewegung bald eine führende Stellung, las viel und hungerte mehr. Als Redner bei einer Demonstration wurde er wieder verhaftet und kam für zwei Monate ins Gefängnis. Er und seine Arbeit waren für die Bewegung wichtig; daher ließ eine Studentin, mit der er zusammen gelebt hatte, sich jede Nacht in einem, dem Gefängnis benachbarten Holzlager einschließen, kletterte, obgleich auf sie geschossen wurde, zu seinem Fenster an der Mauer hinauf und tauschte Zeitungen und Berichte mit ihm aus. Er saß in Einzelhaft, durfte weder rauchen, noch lesen, noch irgend etwas tun. Er durfte eine einzige Stunde am Tage spazieren gehn und erhielt so Verbindung mit den sogenannten Kriminellen, das sind die wirklichen Verbrecher, unter denen er sozialistische Propaganda betrieb durch Reden und Broschüren, ihnen Verteidigungsreden anfertigte und sie vorbereitete. All dies durch die Klopfsprache, deren System ich dir ein andermal erkläre; man kann nach vier Seiten, oben, unten, links und rechts klopfen. Er organisierte unter anderm einen Hungerstreik wegen der Verurteilung von Leuten, die nichts mit der Bewegung zu tun hatten. Er war ein Idealist. Als er das Gefängnis wieder verlassen hatte, half er bei der Vorbereitung einer Revolution, reiste als Provisor, arbeitete in kleinen Orten, benutzte die Nächte zur Propaganda, zur Verbreitung gefährlicher Druckschriften, übernahm selbst deren Ausarbeitung und Druck, arbeitete zum Beispiel vier Wochen in einem Keller, um halb im Dunkeln eine Anzahl Broschüren mit der Handpresse zu drucken. Die Revolution brach aus, die Regierung organisierte eine Gegenrevolution, wie das da üblich ist, der Pöbel machte Pogrome, die Soldaten beteiligten sich an der Plünderung, die Sozialisten organisierten eine Miliz zum Schutz der Unbeschützten, und er wurde Hauptführer des Bundes jüdischer Sozialisten. Die Juden sind dort, wo er war, Fabrikarbeiter. Er wurde verhaftet und für lebenslang nach Sibirien verschickt. Nun ist in Rußland alles organisiert, auch die Bestechung; die Sozialisten haben eine eigne Gesellschaft gewissermaßen, auch eine Kasse, zur Befreiung der Militanten oder politischen Verbrecher. Er entkam während des Transportes mit einem Andern, sie fuhren sechzehn Tage auf der sibirischen Bahn als blinde Passagiere unter den Bänken der Waggons, verließen wenige Tagereisen vor Petersburg den Zug, hängten sich unter einen Wagen, um bei Nacht abzuspringen, aber der Freund hatte Angst, er mußte mit dem Revolver auf ihn schießen, sie sprangen ab und schürften sich die Haut. Die Organisation beförderte sie an die Grenze, er bekam einen falschen Paß, einen Verkehrspaß für Galizien, den dort jeder haben muß, darin stand leider, er sei ein alter Mann mit grauem Bart. Er wurde wieder verhaftet, brach allein aus, verschaffte sich Bauernkleidung, wanderte als Landarbeiter von Ort zu Ort, kam über die Grenze und durch Rumänien, Ungarn, Österreich, die Schweiz nach Frankreich. Als Ausländer wurde er an der Sorbonne nicht zugelassen, er arbeitete in einer kleinen Maschinenfabrik und organisierte dort einen Streik wegen schlechter Löhne. Seine letzte Kraftleistung war, den Fabrikbesitzer aus dem Fenster zu werfen; er arbeitete weiter in seinen Betrieben, als Buchbinder, lebte von dreißig Franken monatlich, aber seine Energie war zu Ende. Da kam aus Rußland jenes Mädchen, das ich erwähnte, die Studentin, sie brachte ihn in eine Apotheke als Laufburschen, wo er sich die französischen Namen der Medizinen aneignete. Er studierte wieder, es gelang ihm später, an der Sorbonne zugelassen zu werden, er studiert nun weiter. Die Examina sind dort in Pharmazie zahlreich und sehr schwer, er ist jetzt Provisor, um Geld zu verdienen, muß noch das Abiturientenexamen und Staatsexamen machen, um die Erlaubnis zum Besitz einer Apotheke zu bekommen. Ich lernte ihn kennen, da ich jenen Sozialisten, dem ich mit Sigurd zur Flucht verhalf, nach Frankreich brachte, wo er in Paris unter den Sozialisten eine bedeutende Stellung einnimmt.“
„Nun hast du wohl“, sagte Josef, „einen Begriff, wie andernorts Menschen leben. Im Vergleich zu ihnen — ich nannte eben absichtlich seinen Namen, denn es giebt mehr als einen solchen — lohnt es sich natürlich nicht, von mir zu reden. Ich nahm ja an alledem auch nur teil wegen der Bewegtheit, nicht wegen der Ziele. Sigurd Birnbaum übrigens studiert in Odessa, ist Assistent in einem Krankenhaus und der gute Heiland aller kranken Kindlein; übrigens — war er immer so finster? Er soll an Schwermut leiden und — ja, nun mußt du wohl zum Essen hinein.“ Er holte einen Zettel aus der Tasche. „Hier ist eine Adresse,“ sagte er, „wenn du Verlangen nach mir haben solltest, bin ich durch sie immer zu erreichen.“
Renate nahm das Blatt nicht, das er ihr hinstreckte, sah ihn nur an und sagte: „Josef!“