Renates Augenlider wankten, sie fühlte, daß ihr Kopf hintenüber wollte, und dachte sekundenlang: ... ich würde mich nicht wehren ... Heute nacht, dachte sie, wird es mich zerreißen vor Pein nach — nach wem denn? Sie öffnete die Augen und freute sich, daß er viel zu hoffärtig war, um mehr zu nehmen als ihr Weichwerden und ihr Dämmern.
„Sage nun,“ bat sie mit verschleierter Stimme, „wo du warst, und wo blieb — dein Gesicht!“
Er setzte sich auf das Schaukelbrett vor ihre Füße; in der tieferen Dämmerung unter den Bäumen sah sie jetzt nur seinen schwarzverhüllten Kopf, seine Nase und ab und an den Schein seines Gesichts und das auffunkelnde Auge; er hielt den Hut in den Händen, die Ellenbogen auf den Knien.
„Drei Viertelstunden hast du noch,“ sagte sie, „dann ist Abendbrotzeit, und wir müssen hinein.“ Er schwieg noch ein Weilchen, dann hörte sie seine Stimme.
„Zu sagen, wo ich war, lohnt sich nicht, aber du bist ja nun neugierig. Übrigens ist die Welt viel kleiner, als man gemeinhin denkt, wenn man die wilden Erdteile ausnimmt: dort war ich nicht, auf Forschungsreisen zu gehn, hab ich für später vorbehalten, ich wollte ja erst Menschen sehn. Ich bin ja nun einmal Idealist und ging daher aus, einen zweiten zu suchen.“
„Was ist ein Idealist?“ fragte Renate.
„Ach, unterbrich mich lieber nicht, sonst muß ich zuviel nachdenken, ob du auch verstehst, was ich sage; ein Idealist ist ein Mensch, der sich in einen Kochtopf voll Wasser setzt, denselben ans Feuer rückt und nicht heraus steigt, ehe er ganz und gar drin verkocht und verbrannt ist. Der Kochtopf kann ja denn Liebe, Tibet, Goldmachen, Verseschreiben, Marxismus oder sonstwie heißen.“
„Fandest du solch einen?“
„Zwei!“ sagte er, „in Amerika. Den einen traf ich im Polizeigefängnis in Ohio —“
„Im Poli—?“