Sie hob sich ein wenig auf den Zehen und küßte ihn unter das linke Auge. Danach mußte sie freilich mit dem Fuß aufstampfen, mit der Faust in die Handfläche schlagen und sich verschwören, daß es ein Elend sei, daß die Ungeratenen, was sie nur wollten, erhielten, während die Guten ohne Ende darben müßten.

„Ich fürchte,“ sagte Josef, „es liegt nicht an den Bösen und an den Guten, sondern allein an dem menschlichen Herzen. Du goldnes Mädchen!“ sagte er plötzlich erschüttert und schien gewillt, auf die Knie zu sinken. Er bückte sich bis tief auf ihre herunterhängende Hand, faßte und küßte sie gewaltsam. Sie legte die Hand auf seinen Kopf, merkte, daß sie fast standen wie damals beim Scheiden, Josefs Vater wanderte fremd, sinnlos heiter vorüber, es war dämmrig, feuchte Schleier hingen vor einer fremden Mauer, ein Dach darüber ... ihre Kapelle wars. Sie fühlte seltsam das schwarze Zeug unter ihrer Hand, faßte jählings, von unverständlichem Zorn ergriffen, zu, zerrte und riß es herab. Er richtete sich auf, so hoch er war, der Lappen hing schwarz an seinem Hals, Renate prallte zurück und schauderte vor seinem rechten Gesicht, das fehlte, das nur dunkelrote Haut war, nach innen gedrückt, ohne Spur von Zügen, kein Kinn, keine Augenwölbung, nur ein Loch, zugekniffen, kein Backenknochen, der Mundwinkel hineingewischt. — Sie schlug die Hände vors Gesicht. Als sie wieder aufsah — ach, es war wohl doch ein Traum, das Ganze! Denn nun war sein schönes Gesicht wieder da, eine Hälfte davon, unverstellt und unverändert wie vor zwei und einem halben Jahr, ja, so edel und bedeutend, daß schon das Spukbild eben ausgetilgt war und nichts mehr galt als dies. Dies Gesicht lächelte nun, sie folgte mit Mund und Augen und sagte: „Verzeih, ich war ungeschickt! Ich habe nichts gesehn. Und nun komm ins Haus.“

Josef bückte sich, hob einen Stock, einen leichten grauen Hut mit schwarzem Band und ein kleines Paket vom Boden, setzte den Hut auf und sagte: „Ins Haus nicht. Wir gehn zu der Schaukel dort unter den Bäumen, da kannst du sitzen.“

Damit ging er vorauf. Sie folgte zögernd.

Es war eine große, wohl zwei Meter lange Schaukel mit eisernem Geländer, die in einem Eisengestänge an vier starken Pfosten hing. Josef bot ihr die Hand, sie stieg auf das Bohlenbrett und setzte sich auf das Geländer. Sie sah sich um. Seit den Tagen der Friedliebenden Gesellschaft war sie nicht hierhergekommen. Damals hatten sie einmal Alle in der Schaukel gestanden, Irene, Ulrika, Esther, Georg, Benno, und hatten sich geschaukelt und gesungen dazu im Kanon: „Oh wie wohl ist mir am Abend ...“ Die Schaukel knarrte. Josef, am andern Ende stehend, setzte sie leise in Bewegung; das sanfte Wiegen tat Renate wohl. „Wo warst du?“ fragte sie.

An das Geländer der Schaukel gelehnt, den Kopf gesenkt, stand er und schwieg. Einmal zuckte sein Mundwinkel. Renate sah eine feurigrosige Wolke sehr langsam über das Dach der Kapelle hinfahren; leicht sitzend auf dem friedlich schwankenden Boden, erinnerte sie sich, wie sie im Rasen lag eben zuvor, Saint-Georges plauderte, die Welt war eng und angenehm und still, — da stieg dieser Mensch aus dem Rasen herauf, im glitzernden Behang eines riesigen Hintergrunds, der Fremde, der — nie war sie so davon durchdrungen wie jetzt! — im Leben nichts gewußt hatte von Gesellschaft und Gewohnheit; der in ihr so gut war wie ein Jaguar, der sich zahm stellt, in einem Geflügelhof. Ja, so stand er, wieder zahm, strömend aber wilden, atemraubenden Dunst; und hinter sich, pompös, das Porta der Welt.

„Zu fragen, woher einer komme,“ hörte sie ihn sagen, „das liegt freilich nahe für den Weilenden, aber dem Kommenden, das kannst du mir glauben, liegt es wirklich reichlich fern. Guter Gott, wie schön du doch bist! Ist denn all die Zeit hier einer gewesen, der dir das gesagt hat?“ Ja, sieh da, er traf den Nagel, wie immer, auf den Kopf. „Setze mich wie ein Siegel auf deinen Arm und wie ein Siegel auf dein Herz“, sagte er. „Denn Liebe ist stark wie der Tod, und ihr Eifer ist fest wie die Hölle. Ihre Glut ist feurig, eine Flamme des Herrn, daß auch viele Wasser nicht mögen die Liebe auslöschen, noch die Ströme sie ertränken. Wenn einer alles Gut in seinem Hause um die Liebe geben wollte, so gälte es alles nichts.“

Ihr Gesicht stand in Flammen, sie genoß das Funkeln seines Auges, atmete tiefer und dachte mühsam: Einmal wird einer noch andre Worte haben, er braucht sie nicht von Salomo borgen, und sie werden mich doch verbrennen, wo ich diese nur brennen sehn kann.

„Du hast mich angehört“, fuhr er kühler fort, „in der letzten Stunde, du hörst mich wieder an in dieser, ich muß reden, es nützt mir nichts, und wenn ich alle sechzig Minuten dieser Stunde zusammenpressen könnte in eine, sie würde doch nicht so glühen, um dich zu durchbrennen. Ich weiß, es liegt nicht an dir, wie es nicht an mir liegt, es liegt an der Einrichtung allein. Ich sehe dir an, daß niemand zu dir kam, seit ich fort bin, dein Hals ist der alte Turm von Elfenbein —“

Sie zuckte, er hob die Hand gegen sie, lächelte kurz und sagte: „Hab keine Angst, ich fahre nicht fort in der salomonischen Beschreibung. Wahrhaftig: häufig habe ich nicht an dich gedacht, aber eines Tages hats mich doch übermannt, da kam ich gleich. Wie braun du bist! Das Feuer deiner Augen brennt kalt wie der Edelstein in meiner Tasche, aber dein Mund ist hundert und tausendmal süßer geworden.“