„Nein, natürlich ist es nicht wahr,“ rief er aus einem Gelächter, „aber ist es nicht glänzend erfunden? Hätte er doch von der Musik der Farbgebung, dem Rhythmus der Flächen und der seelischen Dynamik des Pinselstrichs geredet, so wäre es gegangen. Er aber sagte überhaupt gar nichts. Welch ungeheure Boshaftigkeiten also mußte er verschweigen. Er hätte auch die fürchterlichsten Lästerungen, Frivolitäten und Frevelmeinungen äußern dürfen, denn mit dergleichen verhält es sich seit alters so, daß der Bourgeois sie verdammt und verabscheut, wenn sie in Büchern stehn, wenn aber jemand sie äußert, so heißt es: das sagt er nur so! Der Bourgeois glaubt nicht nur nicht, was ein Andrer sagt, wenn es fremd und erschreckend klingt, sondern glaubt nicht einmal, daß der Andre selber es glaubt. Wäre er aufrichtig, für welch schaurige Lügner müßte er alle Sonderlinge und Eigengänger halten. Früher wurde von einem Manne verlangt, daß er tut, was er denkt. Milder Denkende rieten späterhin, es genüge, zu sagen, was man denkt. Heute giebts schon niemand mehr, der denkt, was er denkt. Und von Bogner sagen sie ja nun: er hat süffisante Augen.“

„Ach,“ rief Renate, sich aufrichtend, „nun weiß ich, daß du die Wahrheit sagst! Da auf der Bank habe ich gesessen und dies Wort in einem Briefe von Magda gelesen; ihr Vater brauchte es gegen Bogner. Ach, wie lange, wie lange ist das her!“

Sie wollte eben das Gesicht gegen die Knie senken, als sie zu ihrer Rechten hinter den Büschen etwas Menschliches zu sehn glaubte, eine Bewegung, ein Gesicht. — Vielleicht war jemand am Zaun draußen vorübergegangen. Sie wollte sich wieder legen, sah aber nun, daß der Garten schon tief im Abendschatten lag; nur zu ihren Häupten, hoch in den Wipfeln, hing noch das scheidende Licht, und noch flossen warme Spuren und goldne Hauche über den weitoffnen Himmel. Sie sprang auf, schüttelte ihr Kleid und rief Saint-Georges zu, er solle schnell seinen Bruder herunterholen, damit er noch an die Luft komme, — und da stand auch schon Magda wieder in der Veranda und fragte herüber, ob es nicht Zeit sei, den Gelähmten zu holen. Saint-Georges folgte, Renate rief ihm noch zu, sie ginge in die Kapelle. Der Lahme liebte es sehr, die Orgel am Abend zu hören, wenn er umhergefahren wurde.

Den Weg zwischen den Gebüschen hinunter, gegen den Zaun zu gehend, gewahrte Renate jetzt deutlich ein Gesicht draußen hinter dem Gezweige. Näherkommend sah sie die Blätter sich bewegen, eine Hand teilte sie; Josefs Gesicht war draußen, seitwärts gedreht; er sah sie nicht an.

„Josef!“ stieß sie hervor. Ihr Herz tanzte. War sie erschrocken? Ihr Herz kümmerte sich um gar nichts und war außer sich. — Nun drehte er langsam das Gesicht her. Seltsam ... wie starr das Auge war! und die ganze Hälfte des Gesichts, die rechte, war — ja, sie war nicht da, etwas Schwarzes war da, aber die Dämmerung ... Nun lief sie hin, trat ins Buschwerk auf den Rasen, da war der Zaun, da stand er, schwarz, fein gekleidet, unbeschreiblich duftend, wie immer.

„Wirklich, ich bins, Renate,“ sagte sein halber Mund, das halbe, lächelnde Gesicht, „willst du herauskommen?“

Nun stand sie ganz dicht vor ihm, hörte, daß er atmete, sah das schwarze Tuch, das vor der rechten Gesichtshälfte war, nein — der ganze Kopf war damit verhüllt, nur vom linken Ohr bis zur Nase, in senkrechter Linie über die Stirn, neben der Nase, über den Mund und das Kinn herunter abgegrenzt war sein Gesicht zu sehn, wie ein Viertelmond, bräunlich bleich und schön wie je, nur das Auge starrer, doch verging auch dies, nun sie tiefer hineinsah.

„Josef, was ist mit deinem Gesicht?“

„Komm heraus, komm heraus, o du schöne Braut!“ lockte er, „dann sollst du alles erfahren!“ ging zwei Schritte am Zaun hin und öffnete die Tür; sie schob sich unter dem Strauchwerk her dorthin, ging durch die Tür, wollte fragen, warum er denn nicht hereinkomme, ließ es aber, stand vor ihm, furchtsam vor seinem Aussehn, aber doch innig froh im Herzen. Sie legte die Hände auf seine Schultern und ließ zu, daß er die seinen auf ihre Hüften legte. „Daß du nur da bist!“ sagte sie glücklich. „Ich merke nun, wie oft am Tage ich dich in meinem Herzen unterschlagen habe. Ich kann ja nicht sagen, wie ich mich freue. Ja, ich bin sehr erstaunt darüber.“

Er lächelte fortwährend, zuckend mit Mund und Augenwinkel. „Wenn du mir einen Kuß gäbest,“ sagte er, „wie wäre das?“