„Wir lesen“, sagte er langsam, „im Leben der Bienen von Maeterlinck über die Bienenkönigin: sie bleibt gleichgültig, regt sich nie auf und nimmt sich Zeit.“

Alsbald riß Renate die Staude aus, die sie gerade in der rechten Hand hielt, und warf sie nach ihm hin, jedoch mehr zum Schein, denn sie machte die Augen deshalb nicht auf. Auf einmal kam ihr auf dem Weg über Bogner Cornelia Ring ins Gedächtnis, sie fragte nach ihr, hörte Georges etwas antworten und sagte, verloren in Gedanken: „Josef wurde ihretwegen in vielen Häusern nicht eingeladen ...“

„Ja, das geht auch nicht“, meinte Saint-Georges. Die Augen geöffnet, sah sie das Skurrile in seinem Gesicht.

„Hätte ers heimlich tun sollen?“

„Heimlich, Renate? Was ist heimlich? Alle tun, was er tat, nur meist in mehr sporadischer und ebenfalls mehr widerwärtiger Form. Aber sie tun es mit allerhöchster Erlaubnis ihrer Frauen, Mütter und Schwestern — ich nehme die Bräute aus, denn sonderbarer- oder auch rührenderweise gilt Brautzeit gemeinhin als Schonzeit, und dann ist es natürlich auch so, daß jede Mutter, jede Frau immer im eignen Sohn oder Mann eine Ausnahme sieht. Also sie tun es, mit der Erlaubnis, es heimlich zu tun; z. B. nachts, wenn die Gesellschaften zu Ende sind, in die Bars und Bordelle zu fahren, wie das hier und wohl in allen Städten üblich ist. Die Gesellschaft — aber ich weiß nicht, ob du —“

„Nur zu, Georges,“ sagte Renate, „ich sagte es ja schon: es ist wunderbar, im Grase zu liegen und von der Gesellschaft reden zu hören. Sprich von der Gesellschaft, wir haben ja schon davon angefangen, vorhin bei Busonis Wort.“

„Die Gesellschaft“, redete Saint-Georges, „hat durchaus nichts gegen Unmoralität, sondern braucht sie im Gegenteil notwendig als Würze und als Hintergrund, wie gewisse Dinge nur weiß aussehn, wenn man sie auf was Schwarzes legt. Die Gesellschaft, wenn du das etwa glauben solltest, hat — wovon das Wort herkommt: von mores und mos gleich Gewohnheit — kaum Moral, sondern sie hat Sitten, und giebt danach Gesetze, bestraft daher nicht die Sittenlosigkeit, sondern allein die Sittenwidrigkeit. Sie wird daher ferner immer das Geheime dulden; was sie nicht duldet, ist die Ausnahme. Zum Beispiel Bogner. Sie kennt keine Dirnen — als Dame — aber uneheliche Mütter — als Fürsorgevereinsmitglied. Sie hat Verbote nötig, um sich Grenzen zu ziehn, nicht Gesetze, um das Übel zu tilgen. Sie überwacht nicht tuberkulöse Väter in spe, sondern versucht, tuberkulöse Kinder zu heilen. Dito Geschlechtskranke, Trunksüchtige und dergleichen. Sie verurteilt die Prostitution — als Gatte — und unterhält Bordelle — als Gemeinderatsmitglied. In diesen wieder überwacht sie die Insassen, aber nicht die Gäste. Sie ist gegen die Trunksucht, weil sie die Gesundheit untergräbt, und verachtet den Abstinenten, weil er ihre Gesundheiten nicht ausbringen will. Sie erlaubt einer Dienstmagd von vier Sonntagen zweie zum Ausgang, um sich zu vergnügen, und jagt sie zum Teufel, wenn sie guter Hoffnung ist. Sie hat den Frauen nacheinander das Tanzen, Reiten, Schlittschuhlaufen, Schwimmen, Radfahren, Studieren verboten und wieder erlaubt. Sie erlaubt dem Ehebrecher, den Ehemann zu töten, und sie tötet den Ehemann, der sich ans Gesetz wendet. Sie erlaubt, die Ehe zu brechen, aber sie erlaubt nicht, sie zu zerbrechen. Sie verabscheut das Laster, aber sie füllt die Gerichtsverhandlungen. Die Gesellschaft weiß nichts von Logik, sondern nur von Gewohnheit, hält für schädlich nicht das Zerstörende, sondern das Neue, will nicht verbessern, sondern verdecken, will nicht bestrafen, sondern sich schützen, sie verbannt nicht, sondern läßt verhungern. Sie hat ein Gutes: gar kein Gedächtnis. Sie gleicht der Fliege vollkommen. Sie setzt sich auf alles; sie ist völlig geschmacklos.“

Ach, wie angenehm das plätschert, dachte Renate und fragte, warum er Bogner erwähnt habe. Saint-Georges lachte mit Behagen.

„Bogner?“ sagte er. „Bogner lief als Knabe weg und kam wieder als Mann. Er machte Besuche, in einen sehr schönen Schoßrock gekleidet, mit einer lichten Weste, anstatt in Samtjacke und Schlapphut daher zu kommen, oder wie es jetzt Mode ist, in Wickelgamaschen und Joppe. Das war schon gefährlich. Er zeigte sich weder geistreich noch boshaft, weder unmanierlich noch blödsinnig, er war artig. Das war schon sehr gefährlich. Er ließ aber seine Augen im Zimmer umherwandern, und siehe da, alle Schande ward ihm offenbar. Weder die unmoderne Einrichtung mit Sofaumbau, die längst hatte ersetzt werden sollen, noch die Sofaschoner — Antimakassars, sagte man früher dazu —; weder das Loch im Teppich, noch der zerbrochene Glühstrumpf, weder die schmutzigen Gardinen, noch die ungewaschenen Fenster, nichts sahen sie seinen Augen entgehn. Ich kenne Leute, die Leute kennen, die ... und die sagten es mir. Natürlich sah er gar nichts dergleichen, aber die ihn sahn, mußten es glauben, denn was kann man denn anders sehn, wenn man so sieht wie er, als Schäden, Flecke, Löcher. Furcht voreinander ist der erste Eckstein der Gesellschaft, Renate. Aber weiter. Er übersah das Ölstilleben von der Tochter des Hauses und fragte nach der Miniature eines längst begrabenen Urgroßvaters, der nichts hatte erben lassen. Er legte die Photographie des Schwiegersohns wortlos fort und nahm einen alten, grünen Porzellanmops in die Hand, unter dessen Hinterteil er zwei gekreuzte blaue Schwerter entdeckte, die noch nie ein Mensch gesehn hatte. Er machte auf einen schief hängenden Starenkasten aufmerksam, der sein Dasein verfehlte, aber seit Jahren schon so hing und das Bild des Gartens vervollständigte. Er nannte eine gemeine weiße Rose: welch schöne Clara Watson! und verachtete das verblüffende Wachstum der Araukarie. Er bat um die Erlaubnis, eine Skizze vom Kohlenkeller machen zu dürfen, in dem doch alle leeren Boonekampkrüge der Hausfrau aufgestapelt waren, und er malte keineswegs das Porträt der Braut in Pastell. Er schickte kein Bild zur Ausstellung der heimischen Kunstgenossenschaftler, und als er einmal daselbst betroffen wurde, bat er gerade den Kustos um ein Glas Wasser, weil er vor einer Landschaft des Stadtmalermeisters an einem Lachkrampf erstickte. Er —“

„Ach, Georges, das ist doch nicht wahr!“