Auf einmal war Renate allein mit Saint-Georges; auch Magda war gegangen.

„Ach Georges,“ sagte sie, „ich muß mich ins Gras legen, glaubst du, daß es was schadet?“

Nein, er glaubte es nicht. Also streckte sie sich längelangs in den hohen Halmen und verdorrten Blumenstauden auf dem Rücken aus, blinzelte gegen den immer goldeneren Himmel und fühlte wonnig an Schultern und Rücken, Füßen, Waden und Kniekehlen überall die andrängende, mächtig tragende Feste der Erde, auf der sie — die Augen schließend, fühlte sie es mit Macht — in ungeheurer Sicherheit, vom riesigsten Rücken getragen, durch Helles und Dunkles, Tage und Nächte, jahrlang durch gewaltige Räume umrollend dahingetragen wurde. Ja, einen Augenblick glaubte sie zu spüren, wie es hinter ihr, im Westen stieg, wie sie selber nicht lag, sondern stand, ausgebreiteter Arme, wie angenagelt an die immer sonnenaufgangwärts umrollende Kugel, selig gekreuzigt, schmerzlos im Herbsttag, gefüllt mit goldenen Adern von himmlischer Luft, nur ein leichtes Gewebe selbst, im Gras ausgebreitet, von purpurnen und goldenen Fäden und Maschen, in dem das wunschlos pochende Kleinod schwebte, liebevoll, ihr Herz.

So lag sie lange Zeit, still, die Augen zu, vor dem verschlossenen Blick das leise Brennen der unsichtbaren Helle; hoch über ihr rauschte es selten einmal und ward wieder still, schauderte etwas leicht auf und beruhigte sich wieder, eine kühle Welle lief über ihr Gesicht, ein Haar oder zwei wehten kitzelnd über Nase und Wange, ein Tier kroch juckend über ihre Hand, rings wehte kaum vernehmbar das Gras, die gedämpfte Natur krachte unhörbar leise im Saft, sie ruhte, Renate ruhte.

Aber jetzt mußte sie den Kopf heben, die Lider halb öffnen und Saint-Georges ansehn, über ihre Füße hinaus spähend; er saß in der Bankecke, einen Arm auf der Rückenlehne, ein Bein auf dem Sitz, und schaute schräg in die Höhe; seinem Blick folgend, sah Renate zwischen den Steinfiguren auf dem Dach, die hell besonnt im Lichten standen, zwei farbige Tauben laufen; es blitzte Weiß in der fernen Bläue auf, eine dritte schwang sich zu den andern.

„Georges,“ sagte sie, sich wieder legend, „seit langem ist es mir dann und wann, als ob ich warte; oder ungeduldig bin; oder — — ist Warten gut, Georges, oder nicht?“

Einige Zeit verging, bis sie ihn sprechen hörte. „Jeder Mensch,“ sagte er, „dessen Geist Augen hat, zu sehen, bekommt von Anbeginn die Richtung zuerteilt, in der sie sein Leben lang stehn: ins Heute, ins Gestern, ins Morgen gerichtet. Das sind die drei Temperamente; vier giebt es nicht. Wer allzutief ins Gestern blickt, dem verfärbt es das Morgen, wie Rot das Weiße grün färbt; wer allzuscharf nach Morgen späht, der erblindet fürs Heut, der wird unruhig, vielleicht unselig. Wer nur aufs Heute schaut, wird leicht bodenlos — ohne Gestern — und erbarmungslos — ohne Morgen. Die Menge blickt halben Auges verschwommen — nach allen drei Seiten. Der große Einsame blickt ganzen Auges tief und klar — nach allen drei Seiten.“

„Ach,“ sagte Renate dankbar, „eine Antwort hast du mir glaub ich nicht gegeben, aber es ist wunderbar, auf dem Rücken zu liegen und nach Schmetterlingen zu gucken.“

„Herbstschmetterlinge, Renate,“ hörte sie ihn antworten, „die Flügel grau, von Weisheit verstaubt.“ —

„Sage mir, Georges,“ fing sie nach einer Weile wieder an, „wenn ich denn schon unruhig bin, warum rühre ich mich nicht mehr?“